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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 111

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Capriccio
Date
1913-05-15
Page
Seite 111 (sequence 2)
Language
German
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Dr. A. Coralnik, Capriccio. 111 wie alles, was nur erträumt und nicht vollbracht ist, wie das reine Denken und noch nicht Wirklichkeit gewordene Verlangen, Der Kopf Jesaias, des schlichtesten und naivsten, des tiefsten und künstlerischsten aller Propheten . . . Lange und unverwandt betrachtete ich diese herrlichen Züge, die kein Wölkchen des Zweifels verdüstert, die so stark glaubens- und seelenvoll sind. „Abnorme Psyche, geistig Entgleiste, Desequilibrierte," nannte ein französischer Psychologe die Propheten. Wirklich? Waren sie es? War dieser Mann, der jahrtausendelang nachschwingende Töne des glühenden Zornes und der kosenden, alles Herbe und Rauhe des Lebens wegglättenden Liebe fand, war Jeschajahu ben Arnos ein „Desequilibrierter"? Nun wohl, Herr Professor der Psychologie, dann wehe der Norm und dem seelischen Gleichgewicht . . . Und ich erinnerte mich an die Worte des krausen, halbverrückten, englischen Mystikers William Blake, die mich seinerzeit frappierten: „Heute war bei mir Jesaias zu Besuch." Blake glaubte aufrichtig an seine Visionen. Er hat Jesaias gesehen, hat mit ihm gesprochen. Und hat ihn Michelangelo nicht gesehen? Steigt er denn nicht zu jedem Begnadeten, jedem, der ihn aus tiefer Seele ruft, hernieder? Wer nur diesen alle Schranken sprengenden, allgewaltigen Willen zum Leben haben konnte! Ich ging aus der Sixtinischen Kapelle — seltsam bewegt, mit einem Schimmer des Ueberzeitlichen, Ueberlebensgroßen in den Augen. Und meine Seele suchte Jesaias, rief nach ihm. Den Tiberstrand entlang, den Pinciohügel hinan in das Wäldchen der Villa Borghese, wo es am dichtesten ist Dort lagerte ich mich auf weichem, frühlingsduftigem Oras unter einem alten, langarmigen Baume- Leise strich ein Frühlingswind über die Wipfel, und sie antworteten ihm im Takt . . . „Heute war bei mir Jesaias zu Besuch/* Warum könnte ich dieser Extase nicht teilhaft werden? Und wenn es Wahnsinn wäre — was ist Vernunft? Und wenn es normwidrig wäre — was ficht mich der um das Leben gezogene Faden der Norm und des Seinsollenden, Nursoseinkönnenden an? Und wenn es ein Tanz am Abgrundrande wäre — ich bin der Gründe und Gegengründe satt bis zum Ekel, müde und krank an der Ebene und an der Gerade. „Leise beugten sich die Baume voll Mitleid mit mir" . . Und Jesaias kam; der Sohn Arnos' besuchte mich. War er nicht im Baume? War ihm nicht das schönste Ende bereitet, sein Dasein als grüne, schlanke Tanne zu vollenden, fortzusetzen? Als Jeschajahu ben Arnos mit Macht und weittönender Stimme seine Wahrheit, Gottes ewiges Wort, in die Welt hinausrief, da (erzählt die Legende) erzürnte König Manasse und

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