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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 109

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Hebräische Literatur
Date
1913-05-15
Page
Seite 109 (sequence 6)
Language
German
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Dr. M. Mayer, Einführung in die hebräische Literatur. 109 schlösse in den in ihr niedergelegten Lebensäußerungen noch mehr Werte für unser Seelenleben ein, als die scharf vorgezeichnete, harte Linie einer traditionellen Literaturgattung uns bedeuten kann. Und es ist interessant zu beobachten, wie eine Art Arbeitsteilung eintritt Während die „Historischen" gewissermaßen die Architekten, Ingenieure der modernen hebräischen Literaturbewegung, die gründlichen Fundierer und Planzeichner werden, beginnen die anderen, im tiefen Glauben an die Tüchtigkeit ihrer Architekten sofort mit der Arbeit des inneren Ausbaus und der Erfüllung des Endzwecks jedes Gebäudes: seinem Bewohntwerden. Sie, die nicht viel nach dem Woher und Wohin fragen, die instinktmäßig das Richtige tun, die in der Arbeit selbst tief genießen und im Genüsse den vornehmsten Selbstzweck des Lebens erkennen, verstehen es mit wunderbarem Tiefsinn, schon in ihrem eigenen, gegenwärtigen Leben eine Art Erfüllung zu sehen, eine Art Erlösung zu fühlen aus den Schmerzen ihrer von außen bedrängten und gefährdeten Seele. Sie suchen und finden in ihrem Hebraismus zu gleicher Zeit Schutz und Genuß ihrer Eigenart. Was sie suchen, ist „der Mensch drinnen", noch besser: der Jude drinnen. Gewiß, sie sehen ihr Volk unglücklich und nach Brot schreien im wörtlichsten Sinne, und möchten ihm nach Kräften helfen. Aber was tun, wenn die innere, eigene Verzweiflung den Notschrei der Ihrigen übertönt? Wohin sich wenden, wenn die Seele nach — ihrer Konstitution angemessenem Brot ruft, wenn „Volksidee" und „Volkskunst das Innere nicht mehr befriedigen, wenn das selbstische Individuum im Menschen erwacht und das Seine fordert? Gewiß greift man noch heute in solchen Stunden nach Shakespeare, Goethe, Puschkin und Tolstoi. Dort sucht man zwar nicht sich, den jüdischen Menschen, aber den vermeintlichen „Menschen an sich" und glaubt ihn auch zu finden. Die historische Schule hat für solche Anwandlungen der Schwäche geringes Verständnis. Ganz anders der jüdische Künstler, der Impressionist. Für ihn ist die Frage äußerst schmerzlich: warum findest du den Menschen, worin er Mensch ist, nicht auch in den Schöpfungen deiner Großen. Das sind doch die toten Punkte deines Lebens, wenn du ganz nur dich, ganz nur deine Menschheit suchst und kannst sie nicht finden! Er sieht in der Geschichte des jüdischen Volkes nicht eine sich aus sich selbst heraus entwickelnde Linie, sondern die Aneinanderfügung leuchtender, locker verbundener Lichtherde, eine Art Mosaik, zusammengesetzt aus den jeweiligen jüdischen Augenblickszuständen. Er folgert von seinem Standpunkte aus richtig: wenn ich moderner Jude vor einer griechischen Apollostatue stehe, und ein innerer Drang nötigt mich zur Anbetung dieses wunderbaren Kunstwerks, warum soll ich dem Uebermaß meiner Empfindungen nicht in meiner ewigen Sprache

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