Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Hebräische Literatur
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 108 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Dr. M. Mayer, Einführung in die hebräische Literatur. dieses Begriffunterschiedes führte und führt zu weiteren folgeschweren Erkenntnissen. Jetzt erst leuchtete in elementarer Erscheinung das jüdische Grundgesetz auf, wonach nicht die Judenheit das Judentum bewahrt und großgezogen hat, sondern das Judentum die ewige Stütze und das nie versagende Regenerationsmittel der Judenheit war und ist. Jetzt brach sich mit erschütternder Wucht der Ruf los: Das Judentum, das in der hebräischen Literatur seine greifbarste Gestalt bekommen hat, bewahrte und bewahrt die Juden vor dem schmählichen Schicksal anderer kleiner Völker! Ein alter Gedanke, daß ihre potentiellen, in ihren Literaturwerken konzentrierten geistigen Kräfte die Judenheit vor dem Untergange gerettet haben, erscheint plötzlich in einem neuen Gewände und zündet im Herzen der führenden Männer. Jetzt eilt man mit Feuereifer an das Werk der historischen Beweisführung, und im Laufe einer sehr kurzen Zeitspanne steht eine Reihe geschichtlicher Untersuchungen vor uns. Man beweist an Hand eines überzeugenden Tatsachenmaterials, daß im Schöße der offiziellen Judenheit mit ihrer offiziellen Geschichte ganz verborgen und wie eine zarte Pflanze zurückgezogen ein in sich geschlossener Organismus mit unerhörten Lebensenergien wirkt, von dem aus die tiefsten und nachhaltigsten Wirkungen auf die ihn scheinbar wie eine besorgte Mutter schützende Judenheit ausgehen, und der ihr Lebensnerv und Ernährer ist. Jetzt treten Historiker auf und beweisen, daß die Judenheit immer dort am jüdischsten ist, wo der Hebraismus am stärksten herrschte, und daß sie immer da in der Auflösung begriffen ist, wo der Hebraismus zu schwinden beginnt. Jetzt beweisen Literaturhistoriker: alles was je im Mittelpunkt jüdischen Interesses stand, wurde entweder in hebräischer Sprache geschrieben oder ging in seiner hebräischen Uebersetzung so sehr in das Herz der jüdischen Leser ein, daß es nicht mehr als Uebersetzung gefühlt wurde. Es ist leicht einzusehen, daß diese konsequente Durchführung eines Gedankens infolge ihrer Absolutheit nicht unwidersprochen blieb. Es erstanden Gegner von außen und im eigenen Lager. Von außen schrie man Gewalt über diese Tyrannisierung der lebendigen Judenheit auf Kosten eines abstrahierten, „toten" Judentums. Von größerer, weil positiver Bedeutung war der Widerspruch im eigenen Lager. Auch hier wurden Stimmen laut, man habe dem Judentum eine zu dominierende Stellung gegenüber der doch auch ihre Rechte verlangenden Judenheit gegeben, man habe den Hebraismus und seine Existenzberechtigung als jüdischen Hochkulturträger zu sehr eingeschnürt. Der Hebraismus habe für die Gegenwart eine noch weit umfassendere Bedeutung, als in dem historischen Gedanken seiner Kulturerhaltungsmission ausgedrückt sei. Die hebräische Literatur