Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Hebräische Literatur
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 110 (sequence 7)
- Language
- German
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110 Dr. A. Coralnik, Capriccio. Ausdruck verleihen? Warum soll sie nicht auch zum willigen Gefäß selbst meiner kleinen Schmerzen, meiner Begierden und Leidenschaften werden? Warum soll nicht meine ganze Goluslüsternheit, mit der ich auf die großen Werke fremder Genien neidisch blicke und sie nachzuahmen suche, nicht auch in meiner Sprache ein, wenn auch vergängliches Abbild erhalten? So wird klar, in welchem Verhältnis beide Richtungen zueinander stehen. Die eine ganz nur auf das ethische Moment der Erhaltung aufgebaut, die andere in erster Linie aus künstlerischen Bedürfnissen herausgeboren; jene im Gefühl höchster Verantwortlichkeit schaffend, diese im Spiel wechselnder Gefühle das Wesen des Menschlichen erblickend. Capriccio. Von Dr. A. Coralnik, Rom. Den ganzen Weg entlang bis zum Petersplatz summte in meinem Ohr die „Chanson triste". Unendliche, hoffnungslose Wehmut, unterbrochener Lebensstrom, untergrabene Hoffnungen, aufzuckende Erinnerungen und zehrende Schwermut. Dann wieder Dämmerung, leises Seufzen, Entsagung . , ♦ Zweifel auf Zweifel gehäuft zu einem unentwirrbaren Knäuel ineinanderverschlungener „Warum?" Und über allen Fragen — das Dominierende — „Wozu?" ... An solchen Tagen, wo die niedergehaltene, eingedeichte, mühsam eingedämmte Sehnsucht herrisch hereinbricht, gibt es keine Zuflucht in unserem Selbst. Da versagt der Gott der Stille und weicht vor dem Sturme, vor dem brausenden Orgelton. An diesen Tagen läßt das klare, formelprägende, formverlangende Denken den Menschen im Stich und wirft ihn den Träumen, der Intuition in die Arme. An diesen Tagen verstummt Rom, und Judäa erhebt seine Stimme. Und ich flüchte mich zu den Propheten Israels. In die Sixtinische Kapelle, wo Michelangelo, der größten aller Unruhigen und Zerissenen Einer das Weltepos nach dem Ebenbilde seiner tausendgestaltigen Seele schuf. Weltwerden und Weltvergehen, Anfang und Ende, Geschichte und Gericht. Und zwischen den beiden Endpunkten die Mittler, die Seher, die Propheten. Jonas, der gigantische Jüngling, Jeremias, der schwerblütige, verzweifelnde Priester, Ezechiel, der phantastische Seher und Bildner, die ganz großen Propheten und die kleineren, alle schauen sie von der sixtinischen Decke herab und sinnen und prophezeien. Unter diesen grandiosen Gestalten ein süßer Trösterkopf. Nicht mehr Jüngling und noch nicht vollreifer Mann. Schön,