Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Hebräische Literatur
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 107 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Di, M. Mayer, Einführung in die hebräische Literatur 107 nicht schon genug für uns, wenn wir nur jene Höhe erreichten, die unsere Väter und Vorväter erstiegen? Wie könnt ihr fordern, die hebräische Sprache soll noch mehr geehrt, noch mehr geliebt werden als früher, wenn ihr doch seht, daß sie jetzt nicht einmal so geehrt, nicht einmal so geliebt ist wie damals? Wäre es da nicht besser, zunächst zu sorgen, daß die hebräische Literatur wenigstens wieder zu ihrem alten Ansehen gelänge? Was verlangt ihr eine Verehrung der Sprache, solange es noch keine Verehrung oder besser: keine Verehrung mehr für ihre Literatur gibt? Und das ist das Mittel zu größerer Achtung der hebräischen Literatur; Hört auf, schönrednerische Büchlein zu schreiben, die das Volk nicht ehrt; kultiviert wieder, wie eure Väter, den Gedanken, ändert auch nicht ein I-Tüpfelchen zur Verfeinerung der Sprache allein, verfeinert den Gedanken, und er wird die Sprache heben!" Seit der Veröffentlichung dieser Worte hat sich in der hebräischen Welt vieles geändert. Besonders hat die Literatur selbst unverkennbare Fortschritte gemacht. Aber Achad-ha-Ams Forderung, die Errungenschaften früherer Generationen in Gegenwart und Zukunft weiterzuerhalten, blieb bestehen, und um sie herum kristallisierte sich ein ganzes Gebilde neuer Ideen, die alle den historischen Gedanken der Erhaltung zum Mittelpunkt haben. Man könnte, wenn ein Name nötig wäre, die Vertreter dieser Ideen und Argumente unter dem Begriff einer „historischen Schule" zusammenfassen. „Wir wollen nichts wesentlich Neues, wir wollen nur nicht verlieren, was wir besitzen oder besaßen." Dieser knappe Satz enthält mehr als man seiner bescheidenen Form ansieht. Was denn hat nach dem Untergange des normalen jüdischen Volkes seinen Geist, seine innere Energie konserviert? Sollte wirklich nur irgend eine tote Formel die Juden bis heute erhalten haben? Und sollte wirklich mit Aufgabe dieser Formel, die man je nach Bedarf als „reinen Monotheismus" oder als irgend eine, sei es ethische, sei es soziale „Mission" erklärte, die gänzliche Auflösung der jüdischen Gemeinschaft unmittelbar bevorstehen? Diese furchtbaren, die Existenz des modernen Juden gleichsam aus den Angeln hebenden Fragen haben einen Gedanken geboren, dessen Konsequenzen dem heutigen Hebraismus erst seinen schweren, unwiderleglichen Sinn gaben: die Idee des ^Judentums" als Verwahrer und Fortbildner der potentiellen, d. h, aufgespeicherten und aufspeichernden Kräfte, im Gegensatz zu dem Begriffe der „Juden" als kinetischen, d. h. im Selbstverbrauch begriffenen, in jedem Augenblick als „Leben" verpuffenden Kräfteausdruck. Man muß die Tragik begreifen, die in einer solchen Trennung der Begriffe liegt, in dieser Unterscheidung zwischen dem Subjekt und seiner objektivierten Produktion, zwischen Volk und Volksleistung, zwischen Leben und Sinn des Lebens. Die Entdeckung und klare Fixierung