Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Hebräische Literatur
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 106 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Dr. M. Mayer, Einführung in die hebräische Literatur. beweisen. Und so kam es, daß trotz aller bedeutenden Anregungen und trotz aller künstlerischen Eindrücke, die uns diese Publikationen boten, eine gewisse Verwirrung, ein gewisses Chaos im Kopfe des Lesers zurückblieb, das ihm die Bildung eigener Urteile ungemein erschwerte. Man war und ist begeistert vom Einzelnen, ohne das Ganze in seinen inneren Zusammenhängen zu begreifen, man ist gefühlsmäßig hingerissen, ohne diesem augenblicklichen Effekt aus eigenen Kräften eine nachhaltige Wirkung verschaffen zu können. Manchen — freilich sehr Wenigen — waren diese Unzulänglichkeiten unerträglich, und sie glaubten den Knoten mit einem Male zu durchhauen, wenn sie sich selbst der hebräischen Sprache bemächtigen würden. Aber den Wenigen, die diesen dornenreichen Weg der Selbsthilfe einschlugen, steht eine überwiegende Mehrheit von Menschen gegenüber, die von vornherein darauf verzichten mußten, durch Erlernung der hebräischen Sprache ein intimeres Verständnis für die hebräische Literatur zu gewinnen, oder die nach kurzem Anlauf zu große Schwierigkeiten fanden, um auf dem betretenen Wege hinreichende Fortschritte zu machen. Diesen muß unbedingt ein Wegweiser geschaffen werden, der sie ohne besonderen Aufwand an Zeit und Mühe in die innere Entwicklung der modernen hebräischen Literatur einführt. Mögen dann einzelne Uebersetzungswerke und da und dort in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften verstreute Buchbesprechungen und Essays diese Einführung illustrieren und ergänzen! Das Wesentliche an den hier in Zukunft erscheinenden Monatsberichten ist ihre Periodicität und vor allem ihr Eingehen auf die psychologischen Grundlagen zeitgenössischer hebräischer Geisteserzeugnisse. Heute will ich einleitungsweise eine Art Uebersicht über die innere Struktur des modernen Hebraismus zu geben versuchen. Als Achad-ha-Am vor nunmehr zwanzig Jahren in einem seiner Essays fragte: „Für wen und warum schreiben wir hebräisch? Wie und was soll man hebräisch schreiben? Ist es möglich, das Hebräische wiederzubeleben und wodurch?", da war seine Meinung, daß die richtige Antwort auf diese Fragen von der Antwort auf eine andere Frage abhänge, und diese sei: „Warum wurden in früheren Zeiten diese Fragen nicht aufgeworfen?" Und damals wies er als erster auf die bis dahin unbeachtete Tatsache, daß frühere Zeitalter zu solchen Fragestellungen gar keinen Anlaß hatten, da die hebräische Sprache und ihre Literatur das ihr gebührende Ansehen und allgemeinste Verehrung genoß. Und unseren zeitgenössischen Heißspornen gab er demgemäß den ernüchternden Rat: „Ihr wollt, daß die hebräische Sprache im gegenwärtigen und zukünftigen Leben des jüdischen Volkes eine größere Bedeutung erhalte als in der Vergangenheit? Warum seid ihr so unbescheiden? Wäre es