Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Das jüdische Proletariat in Nordamerika
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 103 (sequence 6)
- Language
- German
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L Chasanowitsch, Das jüdische Proletariat usw. 103 als Regel aufstellen, und man soll mit Analogien vorsichtiger umgehen. Zwei Millionen Juden, die hauptsächlich in einigen Städten konzentriert sind, können nicht lauter Händler, Aerzte und Rechtsanwälte werden. Wenn auch eine gewisse Neigung, aus den Reihen des Arbeiterstandes herauszutreten, unzweifelhaft besteht, so ist sie ein Atavismus, der der Macht der Umstände weichen muß. Von erfahrenen Arbeiterführern, die die Psyche des jüdischen Proletariats ausgezeichnet kennen, wurde mir versichert, daß die erwähnte Neigung in fortwährender Abnahme begriffen ist. Im übrigen steht diese Frage in engstem Zusammenhange mit der jüdischen Gewerkschaftsbewegung. Je erfolgreicher diese Bewegung ist, desto fester wird der jüdische Arbeiter in der Fabrik Wurzel fassen, und desto weniger Lust verspürt er, den Sprung ins Dunkle zu wagen. Wir kommen damit auf die Organisation des jüdischen Proletariats in der Neuen Welt zu sprechen. Die hat gerade in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht Vor einigen Jahren noch waren die jüdischen Arbeiter so desorganisiert, daß man darüber fast verzweifeln konnte. Nicht als ob sie sich nicht für Streiks hätten gewinnen lassen. Ganz im Gegenteil Die jüdischen Arbeiter müssen als „geborene Streiker" bezeichnet werden. Wenn das Signal zur Schlacht ertönt, so strömen sie in hellen Haufen herbei. Sie beanspruchen hierbei nicht einmal Streikunterstützung, sondern drücken sich einfach durch, indem sie ein Hungerheldentum bekunden, das sozusagen alte nationale Tradition verrät. War aber der Kampf zu Ende, so pflegte die für den Moment geschaffene Organisation auseinanderzufallen, und infolgedessen das den Arbeitgebern unter den größten Entbehrungen Abgerungene wieder verloren zu gehen. — Das ist glücklicherweise doch endlich anders geworden. Die jüdischen Arbeiter sind auf dem besten Wege, festgefügte, dem Wechsel der Zeit trotzende Verbände zu errichten, auszubauen und zu erhalten. So zählt die Organisation der Damenschneider in New-York, der Union und Kanada 60000 gut disziplinierte, zahlende Mitglieder, und übt einen wirtschaftlich und moralisch außerordentlich wohltuenden Einfluß im jüdischen Viertel aus. Tatkräftig unterstützt sie die schwächeren Organisationen anderer Fächer, und spendet viel für Kulturzwecke. Ebenso verspricht der Verband der Herrenschneider nach dem eben beendeten Riesenstreik einen großen Aufschwung zu nehmen. Die Kürschner, die Bäcker und andere Zweige verfügen gleichfalls über widerstandsfähige Organisationen. Es erscheinen bereits in der jiddischen Sprache fünf Gewerkschaftsblätter, abgesehen von den jiddischen Tageszeitungen und periodischen Schriften politischen