Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Das jüdische Proletariat in Nordamerika
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 104 (sequence 7)
- Language
- German
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104 Dr. M. Mayer, Einführung in die hebräische Literatur. Charakters, die sich der Sache des Arbeiters annehmen. Von der Gewerkschaftsbewegung geht ein Lebensstrom zu den jüdischen Massensiedlungen hinüber, der in jeglicher Hinsicht befruchtend wirkt und der zersetzenden Tendenz der Assimilation entgegenarbeitet. Dadurch bekommt diese Bewegung für uns erhöhte Bedeutung. Die jüdischen Gewerkschaftsorganisationen sind es ja auch, die die letzten Spuren des Schachergeistes unter den jüdischen Arbeitern ausrotten und auf diese Weise die produktive Arbeit zur dauernden und unerschütterlichen Existenzbasis des jüdischen Volkes machen. Hebräische Literatur*) Von Dr. AI. Mayer, München, (Melr ben Elieser.) Der Versuch, die hebräische Literatur durch Besprechung und Uebersetzung der deutschverstehenden Judenheit zu übermitteln, kann aus mehr als einem Grunde eine nichtbeabsichtigte Wirkung haben. Wenn man auch nicht gerade zu fürchten braucht, daß der hebräische Dichter seiner deutschen Interpretation in solchem Maße weichen wird, wie etwa der englische Shakespeare seinen deutschen Uebersetzungen, so liegt auf dem Gebiete der Prosa diese Gefahr näher. Vorerst freilich darf man annehmen, daß das Vertrautwerden des deutschen Lesers mit der hebräischen Literatur seinen Eifer zur Erlernung der hebräischen Sprache eher anspornt als abschwächt Ein weit schlimmeres Uebel sehe ich darin, daß eine nicht glücklich gewählte Auslese das Gegenteil von dem erzeugen kann, was sicherlich beabsichtigt war: statt Liebe und Verständnis für die ostjüdische Psyche — fortschreitende innere Entfremdung und Kühle. Und die Unvollkommenheit flüchtiger Uebersetzungen wird vielleicht noch die Enttäuschung größer machen. Besonders aber halte ich jeden aufdringlichen Beglückungsversuch, mag er angesichts der ungerechten Vernachlässigung der ostjüdischen Kultur durch den Westen noch so entschuldbar erscheinen, im Interesse der guten Sache für durchaus schädlich. Noch haben wir unseren durch die großartige Diktion europäischer Dichter und Schriftsteller verwöhnten Westjuden mit unserer eigenen modernen Literatur nur weniges zu bieten. Noch ist unsere zeitgenössische Dichtkunst zu sehr verwachsen *) Dieser Aufsatz bildet die Einführung in die Monatsschau über die hebräische Literatur. Die Einleitung zur jiddisch - literarischen Monatsschau folgt im Juniheft Die Redaktion.