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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 102

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Das jüdische Proletariat in Nordamerika
Date
1913-05-15
Page
Seite 102 (sequence 5)
Language
German
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102 L Chasanowitsch, Das jüdische Proletariat usw. Herrenkonfektion, der vor ein paar Monaten stattfand, und eine noch größere Beteiligung — 100000 Personen! — aufwies und gleichfalls für die jüdischen Arbeiter einen siegreichen Ausgang hatte. Der letzterwähnte Streik zog eine Reihe von Ausständen in der Herrenkonfektion anderer Städte nach sich, die noch teilweise andauern. Wir sehen also in den sogenannten jüdischen Ghetti Nordamerikas einen regelrechten wirtschaftlichen Klassenkampf und nehmen den großen Anteil der Juden am wirtschaftlichen Aufbau des jungen, kraftstrotzenden Landes wahr. Es ist zuzugeben: die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden in den Vereinigten Staaten und in Kanada ist eine zu einseitige. Die jüdischen Arbeiter sind vorwiegend in der Bekleidungsindustrie untergebracht, die nach Nordamerika von den Juden verpflanzt und dort ausgebaut wurde. Diese Einseitigkeit hat manches Bedenkliche an sich. Verschiedene Anzeichen deuten auf eine bevorstehende Krisis hin. Während die Juden früher eine Art Monopolstellung in der Konfektionsindustrie innehatten, erstehen ihnen neue Konkurrenten in den slawischen und italienischen Immigranten, die den Arbeitsmarkt zu überschwemmen drohen und die Löhne herabdrücken. Die Juden werden sich in der Zukunft wohl oder übel nach anderen Industriezweigen umsehen müssen, ohne natürlich die Bekleidungsindustrie irgendwie aufzugeben. Die jüdische Farmerbewegung z. B. macht in Nordamerika merkliche Fortschritte und wird es in der Zukunft sicher noch weit bringen. Zu große Hoffnungen dürfen jedoch auf sie nicht gesetzt werden. Ein Abströmen der Hauptmasse der jüdischen Stadtbevölkerung aufs Land in absehbarer Zukunft zu erwarten, wäre reine Utopie. Die viel gerühmte Anpassungsfähigkeit der jüdischen Klasse wird sich erst klar zeigen, wenn die amerikanischen Juden die zu erwartende Krisis glücklich überstanden haben. Hier ist es wohl am Platze, der hie und da gehörten Ansicht entgegenzutreten, daß die produktive Wirtschaftstätigkeit der nordamerikanischen Juden eine bloß vorübergehende Erscheinung sei, eine Art „Nachtasyl" für hilflose Immigranten, und daß die Neigung zum Handel und zu den liberalen Berufen auch die nordamerikanischen Juden in eine Mittelklasse verwandeln würde. Es geschah nämlich oft, daß mittellose Immigranten und besonders Immigrantensöhne sich sozial hoch emporgeschwungen haben, und der oberflächliche Beobachter fühlte sich verleitet, an das Beispiel der infolge der Emanzipation unter den Westjuden einsetzenden „aufsteigenden Klassenbewegung" zu erinnern. Charakteristischerweise hat sich auch Ruppin diese Ansicht zu eigen gemacht. Man soll aber einzelne Erscheinungen, und mögen sie auch häufig vorkommen, nicht verallgemeinern und

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