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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 101

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Das jüdische Proletariat in Nordamerika
Date
1913-05-15
Page
Seite 101 (sequence 4)
Language
German
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L. Chasanowitsch, Das jüdische Proletariat usw. 101 gesellen. Aus dem einzigen bedeutenden Industriezweig Galiziens, der Naphtaindustrie, wurden die jüdischen Arbeiter grausam entfernt, als das Großkapital sich dieser Industrie bemächtigte. Das Elend der jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw, die plötzlich aufs Pflaster geworfen wurden, erregte seinerzeit — in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts — großes Aufsehen in der jüdischen Welt, und bildet ein erschütterndes Kapitel in der Geschichte des verzweifelten Kampfes der jüdischen Massen ums Recht auf Arbeit*) Auch in Rußland, wo die kapitalistische Entwicklung vom Anbeginne an mit der Großindustrie eingesetzt hat, besteht das jüdische Proletariat vorwiegend aus Handwerkergehülfen. Fabrikarbeiter gibt es unter den russischen Juden nur in verhältnismäßig geringer Anzahl, und auch diese sind zumeist in Kleinbetrieben beschäftigt Ich stelle diese Erscheinung fest, ohne auf ihre Ursache hier näher einzugehen. Gewiß, das jüdische Proletariat in Rußland hat durch seinen in der Freiheitsbewegung bekundeten seltenen Heroismus die Welt in Erstaunen gesetzt und sich einen Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte erworben. Im ökonomischen Kampfe hat es aber die Aufmerksamkeit der Außenwelt bisher noch wenig auf sich gezogen. Entsprechend dem Charakter der jüdischen Produktion haben diese Kämpfe einstweilen nur lokale Bedeutung, Anders in Nordamerika. Hier hatte das jüdische Proletariat keinen besonderen Anlaß, in die politische Arena zu treten, dagegen hat es oft ökonomische Schlachten von weittragender Bedeutung geschlagen. Es sei nur an die großen Kämpfe der jüngsten Zeit erinnert: an den vor drei Jahren stattgehabten Ausstand in der New-Yorker Damenkonfektion, an dem sich 70000 Arbeiter beiderlei Geschlechts — in der überwiegenden Mehrzahl Juden — beteiligten, und der nicht nur mit einem großen Erfolge endete, sondern der auch in gewerkschaftlichorganisatorischer Hinsicht für das jüdische Proletariat bahnbrechend wurde. Ferner an den Riesenstreik in der New-Yorker *) Wie verständnislos und geradezu unwissend man sogar in zionistischen Kreisen den Erscheinungen des jüdischen Wirtschaftslebens gegenübersteht, beweist die Tatsache, daß der gewesene Reichsratsabgeordnete Adolf Stand, der Führer des galizischen Zionismus, einmal — schon ein Jahrzehnt lang arbeitete damals kaum mehr ein einziger jüdischer Arbeiter unter Tag — von der Parlamentstribüne herab Über die Menge jüdischer Arbeiter sprach, die in den tiefen Schächten Boryslaws beschäftigt seien! Daß Zollschan, der Westjude, in seinem Werke .Das Rassenproblem* die Legende von den Boryslawer Grubenarbeitern ahnungslos übernommen hat, kann weiter nicht wundernehmen.

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