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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 100

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Das jüdische Proletariat in Nordamerika
Date
1913-05-15
Page
Seite 100 (sequence 3)
Language
German
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100 L Chasanowitsch, Das jüdische Proletariat usw. Die Juden in Nordamerika sind in ihrer großen Mehrzahl ein produktives, für die Volkswirtschaft unentbehrliches Element. Dadurch unterscheiden sie sich grundsätzlich von der europäischen Judenheit, besonders von der des Westens. Indem sie eine glückliche Kombination von West- und Ostjudenheit darstellen, von einer intellektuellen, kapitalkräftigen Oberschicht, die sich sozial und politisch, wenn auch in einem geringeren Grade ökonomisch auf eine zahlreiche wertschaffende Volksmasse stützt, in einem Lande, wo Kapital, Arbeit, Intelligenz und Tatkraft alles, Tradition fast nichts ist, in einem Einwanderungslande, das des Zustromes frischer Kräfte bedarf, — konnten die nordamerikanischen Juden ohne nennenswerten Widerstand ihre gegenwärtige hohe Bedeutung erlangen. — — — Wenn es irgendwo ein jüdisches Proletariat gibt, ein modernes jüdisches Industrieproletariat, so ist es in Nordamerika. Der große Emigrationsstrom, der im Verlaufe dreier Jahrzehnte zwei Millionen Juden nach der Neuen Welt brachte, hat sie dort einem großen Umwandlungsprozesse ausgesetzt. Wir sind Augenzeugen einer vollständigen Revolutionierung des jüdischen Wirtschaftslebens, dank der Emigration. Etwas wie eine Umwertung aller Werte vollzieht sich vor unseren Augen. Die alte jüdische Welt, die Welt der Kleinkrämerei, des Schachers, des Wuchers, der Vermittlung stürzt zusammen, und eine neue Welt der produktiven Arbeit entsteht aus ihren Trümmern. Dieser Umwandlungsprozeß hat bereits in Osteuropa begonnen, aber erst in Amerika konnte er zur vollen Entfaltung kommen. Es ist noch gar nicht solange her, daß jüdische Schriftsteller in Rußland sich redlich bemühten, aus dem Talmud nachzuweisen, die Ausübung eines Handwerkerberufes sei nicht unehrenhaft und widerspräche nicht den Satzungen der jüdischen Religion. Heute würden solche Erörterungen einen komischen Eindruck machen. In den letzten Jahrzehnten haben die Juden viel umlernen müssen. Die Tragödie der ostjüdischen Massen besteht vornehmlich darin, daß sie, von den althergebrachten Berufen verdrängt, sich keinen entsprechenden Ersatz in der modernen Großindustrie und im modernen Verkehr verschaffen können. Der erwachte Drang der Juden zur produktiven Arbeit kann in Rußland, Galizien, Rumänien vorerst nur in ganz unzulänglichem Maße ein Betätigungsfeld finden. Von einem modernen Industrieproletariat unter den Juden Osteuropas kann ja kaum die Rede sein. Galizien besitzt noch jetzt fast gar keine Großindustrie, und die verhältnismäßig kleine Anzahl jüdischer Arbeiter besteht fast nur aus Handwerker-

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