Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Das jüdische Proletariat in Nordamerika
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 99 (sequence 2)
- Language
- German
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L. Chasanowitsch, Das jüdische Proletariat usw. 99 den Handelsvertrag mit Rußland zu kündigen. Während Europas Mächte um Rußlands Gunst buhlen, ließ die Union alle Bedenken wegen eines eventuellen Zollkrieges, bei dem sie mehr als Rußland zu verlieren hatte, fallen, um sich ihrer jüdischen Adoptivkinder russischer Herkunft, die nach russischem Rechte noch zarische Untertanen sind, anzunehmen, und den jüdischen Reisenden in Rußland gleiche Behandlung wie den nichtjüdischen zu verschaffen. — Welche realen Folgen der Schritt der Union auch haben mag, seine moralische Bedeutung als Ehrenzeugnis für die Judenheit ist nicht hoch genug anzuschlagen. Nun bin ich weit davon entfernt, die Lage der nordamerikanischen Juden zu idealisieren, oder gar in Amerika das „gelobte Land, das Zion des zwanzigsten Jahrhunderts" zu sehen. Ich weiß gut, daß auch in Nordamerika bezüglich der Lage der Juden viel zu wünschen übrig bleibt; andererseits aber ist mir der Ton unserer berufsmäßigen Klageweiber zuwider, die nur für die Schattenseiten, für die Wunden des jüdischen Lebens Augen haben, die aber mit absichtlicher Blindheit geschlagen sind, falls sie keine Gelegenheit zum Vergießen bitterer und ohnmächtiger Tränen haben. Das nordamerikanische Judentum nimmt eine glückliche Sonderstellung innerhalb der jüdischen Welt ein und ist, wie es scheint, vom Schicksal ausersehen, eine hervorragende Rolle in der jüdischen Geschichte zu spielen. Wenn ich diese Bemerkungen vorausgeschickt habe, so geschah es, weil mir daran gelegen ist, die außerordentliche Bedeutung der jüngst entstandenen Arbeiterklasse für die Existenz des jüdischen Volkes nachzuweisen, denn meiner tiefsten Ueberzeugung nach hätten die Juden Amerikas ohne das zahlreiche jüdische Proletariat ihre gegenwärtige hohe soziale und politische Position niemals erlangt. Welchem Umstände verdanken die nordamerikanischen Juden ihre volle Gleichberechtigung? Ist sie nur darauf zurückzuführen, daß die junge Republik bar aller herkömmlichen Voreingenommenheiten, die wie ein Alp auf dem alten Europa lasten, auch dem antisemitischen Vorurteile weniger zugänglich ist? Oder steht dort etwa die Parteipolitik im Vordergrunde allen Interesses, und stellen die Stimmen der jüdischen Wähler eine so große Macht vor, daß allein aus diesem Grunde der Antisemitismus nicht zur Geltung kommen kann? Gewiß, diese Momente dürfen nicht außer acht gelassen werden; es hieße aber den ideologischen und parteipolitischen Motiven eine zu große Bedeutung beimessen, wollte man in ihnen eine erschöpfende Erklärung der gestellten Frage erblicken. Die Ursachen liegen viel tiefer.