Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Jerusalem
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 90 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Scholem Asch, Jerusalem Gottes entstammt, sondern der Güte eines persischen Königs? Was kann das für ein Heiligtum sein, ohne die Bundestafeln? Ohne die Cherubim? Nur ein kleiner Teil des jüdischen Volkes kam zurück, der ärmste. „Israels Rumpf und Glieder" aber lebten größtenteils in der Diaspora, wo sie große Zentren schufen. Alexandria spielt jetzt in der Geschichte des jüdischen Geistes und Schaffens keine kleinere Rolle als Jerusalem. Was nun die Bedeutung und den Einfluß der jüdischen Lehre auf die Heidenwelt anbelangt — und dies ist doch eigentlich das Fundament für das spätere Christentum und unsere heutige Zivilisation —, so spielte Alexandria eine wichtigere Rolle als Jerusalem. Hier erfolgte die Übersetzung der Bibel ins Griechische, Hier entstand die Schule Philos, die die jüdische Ethik unter den Heiden verbreitete. Hier entstanden die sibyllinischen Bücher, die den Griechen ihren Untergang durch die jüdische Ethik kündeten. Und was unsere innere Konstitution betrifft, so leben wir noch bis zum heutigen Tage mehr in den Ideen eines Hillel, also des babylonischen Talmuds, als des palästinensischen . . . Wenn wir einen Blick auf die politische Lage der Juden in der Hasmonäerzeit werfen, so sehen wir, daß die Hasmonäer das ganze Volk hinter sich hatten, und die unerschrockenen Gebirgshelden Wunder der Tapferkeit vollbrachten, solange sie nicht als jüdische Könige, das heißt als politische Autoritäten, sondern als Priester für die jüdische Religion, für den Sabbat, für die Beschneidung gegen Götzendienst kämpften. Doch sobald die Hasmonäer unter Jonathan das Priestertum mit dem Königtum vertauschen und die junge, kräftige Dynastie einzusehen beginnt, daß das jüdische Volk nach seiner bisherigen jüdischen Konstitution nicht werde existieren können, und daher an Reorganisation denken müsse, an ein stehendes Heer, haben sie auch das Volk gegen sich. Gegen Alexander Jannai, eigentlich den einzigen jüdischen Erobererkönig, erhebt sich schon das Volk im Heiligtum, in der Partei der Sadduzäer. Waren die Sadduzäer zur Hasmonäerzeit dieselben wie die Sadduzäer zur Zeit des Hohenpriesters Jason? Die die Schönheit des Judentums nicht sahen, sondern nur die äußerliche Schönheit des Griechentums? Nein, die Sadduzäer der Hasmonäerzeit waren gute jüdische Patrioten, die einsahen, daß die Juden ohne musterhafte Organisation, ohne stehendes Heer sich gegen ihre Nachbarn nicht behaupten könnten, und die die Thora vom Staate trennen wollten. Im Innern sollte das Leben nach jüdischer Konstitution sich gestalten; doch gegen den äußeren Feind sollte man mit dessen eigenen Waffen kämpfen. Es war ein richtiger, einzig möglicher Standpunkt- Hätten die Juden ihn verstanden, vielleicht sähe unsere Geschichte und unser