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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 91

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Jerusalem
Date
1913-05-15
Page
Seite 91 (sequence 4)
Language
German
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Scholem Asch, Jerusalem 91 Schicksal anders aus . . Wir sehen, wie das Volk im Bruderkrieg nicht auf der Seite des schönsten Helden unserer Geschichte steht, auf der Seite Aristobuls IL, der jeden Zoll Erde seines Königreichs erkämpfte, sondern auf der Seite des schwächlichen, ganz dem Einfluß Antipaters ergebenen Hyrkan. Es wendet sich nach Rom, das heißt an das Schwert des Todesengels, um seinen eigenen Helden und Retter zu vertreiben. Das zeigt, wie gleichgültig eigentlich und unerwünscht politische Freiheit für die Juden war. Noch deutlicher tritt dies in Erscheinung zur Zeit Herodes\ Hat er eigentlich seinen schlechten Ruf und seine Unbeliebtheit beim jüdischen Volk verdient? Wir dürfen ihn nach unseren Billigkeitsbegriffen nicht als einen Tyrannen des alten Orients ansehen, sondern eher als einen Renaissancepapst oder einen Renaissancefürsten. Vor allem müssen wir die Verdienste des betreffenden Tyrannen für sein Volk und Land in Betracht ziehen. Nun, wir brauchen uns Herodes' seiner Verdienste um Juda wegen gar nicht so zu schämen. Er war nicht bloß ein Schmeichler — welche andere Politik denn hätte er gegen die damalige Weltherrschaft Roms führen können — kriegerische etwa! — bei der Untreuej die die Juden auf Schritt und Tritt gegen ihn zeigten? Doch er war mehr als ein Intrigant, als ein bloßer Schmeichler: Er war ein Held, der um die Herrschaft jedes Zollbreits mit dem Schwerte kämpfte. Und mehr als einmal vergrößerte er durch seine geschickte Politik gegenüber Rom — nicht durch Schmeichelei, sondern durch große Verdienste um dieses — das Territorium Judas wie kein König vor ihm (außer vielleicht zu Davids Zeiten) und keiner nach ihm. Juda überschritt weit seine natürlichen Grenzen und griff bis Ägypten ins Feindesland ein. Dies erreichte er durch sein Entgegenkommen gegen den neuen Caesar nach dem Sturze Antonius' und Kleopatras. Der Bau des Tempels, die Verschönerung Jerusalems, die Unterstützung des Handels zeigen, daß unter den verbitterten Flammen, die im Herzen des Tyrannen glühten und nicht nur gegen sein Volk, sondern auch gegen sein geliebtes Weib und gegen seine Kinder wüteten, vielleicht ein Funken Liebe und Treue zu dem von ihm beherrschten Staat und Volk verborgen lag. Und noch ein Ding darf man Herodes nicht vergessen — ohne ihn wäre der Tempel vielleicht hundert Jahre früher gefallen, und zwar nicht durch die Heldenhand der Römer, sondern er wäre als Buhlgeschenk von Antonius der schönen Ägypterin zu Füßen gelegt worden (Schluß folgt im Juniheft.)

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