Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Sprachadel.
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119804-3120087--0138-3120154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
86 Dr. Nathan Birnbaum, SprachadeL unserer ewigen Erneuerung, — der großartigen Treue unseres Volkes gegen sich selbst. Und just das ist ihr Adel, ihr ganz besonderer Adel. Ich spreche hier von allen jüdischen Mischsprachen. Ich nehme keine einzige aus, weder von den vergangenen, noch von den gegenwärtigen, noch von jenen, die vielleicht noch entstehen werden. Ihrer aller rühme ich mich, und dürfen wir uns, so meine ich, alle rühmen. Aber gerade, weil sie mir alle teuer sind, weil ich allen ihren Adel zubillige, allen mit der größten Ehrerbietung nahe, — gerade deshalb will es mir nicht vorkommen, daß sie an Wert und nationaler Bedeutung einander gleich sind. Gewiß, die Anderen, die assimilatorischen und die neuen nationalen Rationalisten, interessieren sich nicht für die Unterschiede der „Jargone" untereinander. Die gehen sie nichts an. Verächter und Feinde ganzer Kategorien lieben es ja niemals, den Unterschieden der von ihnen Verachteten und Gehaßten nachzuforschen. Und wenn es hier eigentlich nichts zum Forschen gibt, weil hier ein Blinder sehen muß, so stellen sie sich, als sehen sie nichts, wollen sie, dürfen sie nichts sehen. Sie wissen ja ganz gut, die blinden Eiferer, daß, vom alten aramäischen Jüdisch abgesehen, mit unserem Jüdisch keine einzige der anderen jüdischen Mischsprachen verglichen werden kann. Sie dürfen es aber nicht wissen, und darum hören sie nicht auf, mit unverkennbar herabsetzender Absichtlichkeit von den „Jargonen", von den „Sprachen des Exils" zu sprechen. Nun, ich glaube, es gibt keine geeigneten Worte, um diese Methode nach Gebühr zu kennzeichnen. Wie kann man vor allem Sprachen, die kaum von einigen tausenden, — oder die stärkste unter ihnen, die spaniolische, von mehreren hunderttausenden — Menschen gesprochen werden, mit unserem Jüdisch vergleichen, das von neun Millionen Juden, unter zwölf Millionen, gesprochen wird? Oder will man sich etwa mit Ibsen gegen die „kompakte Majorität" wenden? Will man sich etwa darauf ausreden, daß Zahlen nichts bedeuten? Davon kann doch hier nicht die Rede sein. Hier handelt sich's ja nicht darum, wie die Majorität denkt, sondern wie sie lebt, nicht darum, was sie sagt, sondern wie sie spricht, nicht um die Echo-Anschauungen von Millionen einfältiger und mittelgeistiger Menschen, sondern um die unbewußten Schöpfungen des Volksgenius. Hier haben wir ja überhaupt nicht eine Majorität vor uns, eine Majorität von Einzelnen, sondern ein von innen heraus organisiertes Hauptlager des Volkes. Und das ist ja etwas ganz anderes: Je größer die Majorität der Einzelnen, desto mehr Lärm macht sie; je größer aber ein organisiertes Hauptlager des Volkes, desto größer ist des Volkes schöpferische