Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Sprachadel.
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel 85 sprechen spaniolisch, und sicherlich nicht weniger sprechen andere Mischsprachen. Wenn nun alle diese Sprachen wirklich nicht den wahren Sprachen zuzuzählen sein sollten, sondern als „Jargone", als „halbtierische" Sprachen gelten müßten, — so würde das bedeuten, daß wir mehr als zweitausend Jahre nicht einmal die Stufe der Papuas und Feuerländer erreichen konnten. Und da es nicht möglich ist, daß man Gold schmiedet, und dabei eine Messingkette herauskommt, so würde weiter daraus folgen, daß wir ein Volk von halben Tieren, von halben Menschen sind, daß wir niedriger geartet sein müssen als die niedrigst stehenden Völker, die sich irgendwo auf der Erde herumtreiben. Man erklärt die Mischsprachen gewöhnlich mit dem Exile. Das Exil habe sie hervorgerufen. Aber hörten wir denn nicht eben, daß die Juden schon in Palästina eine Mischsprache schufen? Und dann, warum ist das Exil dabei stehen geblieben? Ueberall, wo ein Volk unter einem anderen zerstreut wird, assimiliert es sich diesem ganz, nimmt es dessen Sprache ganz an. Warum haben es gerade die Juden anders gemacht? Warum nahmen wohl auch sie die eine oder andere Sprache an, haben aber dann nicht geruht, ehe sie ihr ein jüdisches Gesicht gaben? Das kann doch nicht im Exil, muß vielmehr in der Lebenskraft unseres Volkes begründet sein. Man sagt uns nach, daß wir eine starke Neigung zur Assimilation haben. In Wahrheit sieht das aber nur so aus, weil unsere Lebenshartnäckigkeit so groß ist, daß uns zuweilen davor zu grauen beginnt, und wir Verlangen tragen, uns von uns selbst zu befreien. Wir sind ferner ein geistiges Volk mit absoluten Idealen, und, diesen hingegeben, vergessen wir gar oft die relativen, weltlichen Grundlagen unseres Daseins, werden gegen sie gleichgültig. Doch schließlich hilft uns das alles nicht: Weder bringen wir's fertig, uns von uns selber zu befreien, noch sind wir imstande, alte Grundlagen zu verlieren, die ein Volk nötig hat, um zu existieren. Immer wieder siegt unsere Kraft über unsere Schwachheit und über die nationalen Unglücksfälle, die uns treffen. Wenn uns Müdigkeit, Versonnenheit und Leiden eine Sprache aus dem Munde nehmen, ist immer wieder gleich unsere Lebenshartnäckigkeit da, um Ersatz zu schaffen, um uns aus altem und neuem Material und mit unserem Geiste eine neue Sprache zu schaffen. Wir brauchen uns also unserer Mischsprachen wahrlich nicht zu schämen. Sie sind die Zeugen unserer Kraft, die aus dem Kampfe mit unserer Not und den Versuchungen, die an uns herantreten, siegreich hervorgeht. Sie weisen auf den Schein unserer Assimilation und auf die Tatsache unserer Nichtassimilation hin, Sie sind der deutlichste und klarste Beweis