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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 87

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Sprachadel.
Date
1913-05-15
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel. 87 Macht. Es ist derselbe Unterschied, wie zwischen der Menge und dem Volke. Die Menge ist immer gewöhnlich, das Volk ist adelig. Die Menge ist häßlich, das Volk ist schön. Die Menge ist ein Tyrann, das Volk ist ein Held. Menge und Volk, Majorität und Volkslager sind Gegensätze, Widersprüche, trotzdem da und dort die gleichen Menschen sind. Wer das versteht, wird nicht versuchen, aus Ibsen's tiefen Worten plattes Kapital zu schlagen. Er wird nicht den klaren Tag, nicht die schlichte Tatsache leugnen wollen, daß eine jüdische Sprache, die von neun Millionen Juden gesprochen wird, schon dadurch allein für das jüdische Volk eine Bedeutung gewinnt, die eine jüdische Sprache mit wenigen Tausenden, oder sogar mit einigen Hunderttausenden, die sie sprechen, niemals erlangen kann. Doch wer sind übrigens die, die jüdisch sprechen, und welche sind ihre innersten Beziehungen zum jüdischen Volke? Wie kommen sie zu dieser Sprache, und wieso harrten sie bei ihr aus? Nun, wir wissen, daß sich das Jüdische aus dem Deutschen entwickelte, daß die Entwicklung in Deutschland begonnen, aber ihre größte und wichtigste Strecke im Osten zurückgelegt hat Dort ist die neue Sprache sozusagen erst geknetet worden. Man sagt, weil erst dort, in der slawischen Umgebung, die Beeinflussung durch das Deutsche aufgehört hat, und dann, weil angesichts des niedrigen Kulturstandes der ostslawischen Völker, die Juden keine besondere Lust haben konnten, die slawischen Sprachen anzunehmen und sich überhaupt den Slawen anzuschmiegen. Auch daß sie dort in geschlossenen Massen lebten, führt man als Qrund an. Immer unter sich, hätten sie am Eigenen festgehalten. Ich halte diesen, sowie den ersten Grund sicher* lieh für richtig, während ich gegen den zweiten manches einzuwenden habe* Aber gleichviel. Mir geht es nicht um einen Grund mehr oder weniger, weil ich sie alle nur für relative Gründe halte, über welchen es noch einen absoluten Grund gibt. Zufällig seien die Juden nach Polen gekommen und hätten sich gerade dort in geschlossenen Massen angesiedelt. Ich glaube jedoch: Es gibt keinen Zufall Auch Einwanderungen sind nicht zufällig. Es findet eine stille, unbewußte Auswahl statt. Man geht dorthin, wo man die wenigsten Hindernisse erwartet. Der Einzelne sucht Auskommen und Ruhe, das Volk Bestand und Erhöhung, Und wer ausdauernd ist, findet. Und das jüdische Volk ist ausdauernd. Im jüdischen Volke waltet jene große, gewaltige Lebenskraft, von der wir schon sprachen, und sucht sich zu allen Zeiten seine Lager zusammen. Ich sage: Lager! Nicht etwa armselige Reste! Es gab in der Geschichte der Juden keine Zeit, in der nicht irgendwo große jüdische Lager, ganze Armeen entstanden wären oder bestanden hätten,

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