Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Sprachadel.
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 84 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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84 Dr. Nathan Birnbaum, Sprachadel. Wie ich schon oft betonte, kann „Jargon" nur eine Summe von Aenderungen genannt werden, die irgend eine Klasse des Volkes innerhalb ihres Lebenskreises in der Sprache des Volkes hervorruft. Es gibt einen Jargon der Studenten, Matrosen, Diebe usw. Niemals aber darf man die Sprache einer ethnischen Gruppe, die Sprache eines Volkes oder Volksteiles mit seinen verschiedenen Klassen, — und mag sie auch noch so gemischt sein, — „Jargon" nennen. Man hat dies auch niemals früher getan, weder in Hinsicht auf die großen Mischsprachen nichtjüdischer Völker, wie z. B. Französisch und Englisch, noch hinsichtlich der jüdischen Mischsprachen. Erst die stärkste und reichste jüdische Mischsprache, gerade jene, die von dem größten und wichtigsten Teile des jüdischen Volkes gesprochen wird, traf das Los dieses Namens, das dann allerdings auch den anderen jüdischen Mischsprachen zuteil wurde. Das Volk selbst hat keine Schuld daran, auch die anderen Völker nicht, — vielmehr nur die kleine Gruppe jener jüdischen Intelligenzler, die sich jahrzehntelang an dem Kunststück übten, ein Volk, dem sie innerlich entfremdet waren, mit trockenen, ausgedachten, dabei nicht einmal eigenen, sondern den deutsch-jüdischen Rationalisten entlehnten Prinzipien zu regieren. Hatte ja schon Moses Mendelsohn im Jahre 1773 den jüdischen „Jargon" als so etwas wie ein Werk des Bösen angegriffen, das das jüdische Volk korrumpieren helfe. Und hat doch noch der bekannte Geschichtsschreiber Graetz das Jüdische als eine „halbtierische" Sprache bezeichnet Während aber die beiden noch nicht den richtigen Blick auf die ganze Sache zu haben brauchten, mußten und müssen sie, die ostjüdischen rationalistischen Intelligenzler, — gleichviel ob assimilatorischer oder nationaler Gesinnung — ja wissen, was in ihrer Umgebung vorgeht Für sie gibt es keine Entschuldigung. Sie beweisen nur durch ihre Haltung, daß sie weit, sehr weit davon entfernt sind, die jüdische Geschichte zu verstehen und sehr, sehr nahe daran, das jüdische Volk zu beleidigen . . . Man stelle sich doch nur vor: Schon in Palästina, hunderte Jahre vor der Zerstörung des zweiten Tempels, hörten die Juden — zufolge jetzt nicht mehr genau festzustellender Ursachen — auf, Hebräisch zu sprechen und fingen an, sich des Aramäischen zu bedienen, oder besser, aus Hebräisch und Aramäisch die erste jüdische Mischsprache zu schaffen — eine Mischsprache, in der großartige, weltberühmte, ewige jüdische Werke niedergeschrieben worden sind. Später, im Exil, fuhren sie fort, solche Sprachen, eine neben der anderen, eine nach der anderen, in die Welt zu setzen. Und heute sprechen von zwölf Millionen Juden neun unser Jüdisch, einige Hunderttausende