Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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80 F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik. um auch für die weiteren beiden, sich schon aus den alljüdischen Aspirationen der Zionismen ergebenden Leitsätze den empirischen Nachweis zu erbringen, daß auch sie den Zionismen wirklich Voraussetzungen sind. Dieser Nachweis ließe sich auch rein logisch, und zwar negativ geben. Es wäre dann darzustellen, wie das Programm, die Agitation und die zwingende Beweiskraft einer Doktrin aussehen muß, die nicht mit der Theorie von den untergehenden Judenheiten, vom einheitlichen Golusproblem, von dessen einheitlicher Lösung operiert Wer Freude hat an gedanklichen Spielen, mag diesen konstruierten Fall bis zum Ende durchdenken. Er wird dann erkennen, daß ein Zionismus, der auf diese Voraussetzungen verzichtet, gar nicht mehr Zionismus ist*) Wir kommen jetzt, nachdem ihr Objekt als solches sichergestellt ist, zur Kritik. Die hat auszugehen einmal von den psychologischen Feststellungen, die wir im 1. Heft dieser Zeitschrift gaben, und von dem, was vorhin über die westjüdische Teilauffassung gesagt wurde. Aus beiden Gedankenreihen ergibt sich für uns der erste Satz der Kritik. Er besagt: Die Voraussetzungen *) Leugnen aber (und dennoch ausschließlich für Palästina arbeiten) könnte diese Voraussetzungen nur, wer sich von allen alljüdischen und völkischen Aspirationen, also von den Wesensbestandteilen der zionistischen Doktrin radikal emanzipiert hat, und seinen Palästinaismus auffaßt als reine Klassenbewegung zur Regeneration einer europamüden Intelligenz, als eine rein subjektivistische Lösung, die er dann nach seinem Belieben mit allerlei absoluten Forderungen und Redensarten verquicken mag. Dann aber sollen die Herren das Wort vom Volke aus dem Munde lassen, und nicht kommen mit Erlöserformeln, über die das Volk, das schaffen will und wachsen, nur lacht. Dann verlangen wir Konsequenz und nicht unehrliches Kompromiß mit den historischen Zionismen; verlangen ein Durchhauen des Baseler Programms und der Trinität und ein Ersetzen des Wortes vom Volk durch: „eine bestimmte Anzahl klassenbewußter bourgeoiser Subjektivisten/ Wer sich aber nicht auf diesen radikalen Klassenstandpunkt stellt — und vorerst tut es niemand, trotzdem innere, unbewußte und auch bewußte kraftmeierische Neigung manche sich ihm nähern läßt, — wer auch nur von ungefähr das Wort vom Volk in den Mund nimmt, für den besteht der Zwang, sich auseinander zusetzen mit den Voraussetzungen der Zionismen. Es nicht tun, der Auseinandersetzung aus dem Wege gehen, das heisst das Volk brutalisieren, seine Angelegenheiten ausnutzen zu schönen Schlagworten; das heisst alles ethische Uebergewicht, das man über die Assimilanten zu haben vermeint, ohne Recht usurpieren, politisch und organisatorisch leben von der Dummheit und der noch weiteren Volksentfremdung der andern.