Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik 79 wie eignete, zur selbstverständlichen Phase der zionistischen Literatur geworden. Män lese die willkürlichen Prognosen, die Ruppin den verschiedenen Ostjudenheiten stellt. So verzerrt legt nur derjenige die Dinge aus, der eine untergehende Judenheit benötigt, um etwas mit ihr zu beweisen. Man sehe sich daraufhin auch einmal die bisherige informatorische Tätigkeit der zionistischen Presse an. Das Verschweigen von allen großen und elementaren Wachstumsvorgängen im Leben der zentralen Massen, im Gegensatz zu dem willkürlichen In-Blitzlicht-Setzen winzigster Parteivorgänge. Gewiß: die zionistische Presse informiert über Amerika — aber nur dann, wenn Herr Sokolow eine Vortragtournee veranstaltet, oder es sich sonst um amerikanischen Zionismus handelt Sie informiert über Galizien, wenn ihr die Schänkervertreibung willkommenen Agitationsstoff bietet; aber die innerlichsten und wichtigsten Probleme der Ostjuden haben in ihr keinen Raum; weil sonst der Westen spüren könnte, daß da drüben doch nicht alles zerfällt; weil sonst der Westen einmal freudig diese Wirklichkeiten bejahen könnte* Das meiste wird mißgedeutet, um die These von der allerorts zerfallenden Judenheit aufrechtzuerhalten. Man lese folgende Sätze von Ruppin einmal kritisch und bedenke, was da alles verschwiegen wird: „Vor unseren Augen," heißt es (S, 3, IL Aufl.), „bröckelt Stein um Stein aus dem einst so festgefügten Bau der Judenheit*" — „Damit greift der Abbröckelungsprozeß auf die großen Judenmassen Osteuropas hinüber und droht das letzte Bollwerk der Juden zu untergraben." Kein Wort wird da erwähnt von den neuen Steinen, die zu dem Bau der Ostjuidenheit hinzugekommen sind. Verschwiegen der normale Charakter, den die Abbröckelung von Oberschichten in einem organischen Volkstum mit starker, sich aufwärtsbewegender Klassenströmung hat. Als ob der Zerfall in Ost und West irgendwie gleich zu bewerten wäre! Man halte gegen diese willkürliche Diagnose Ruppins einmal das, was Leszczinski im ersten Heft dieser Zeitschrift über den Charakter der ostjüdischen Entwicklung ausführte. Oder man lese, wie dreist Ruppin der jiddischen Sprache die Existenzmöglichkeit abspricht (S. 4, 261— 262), und sich nicht scheut, der These zuliebe das ästhetische Wohlbehagen der anderen Völker und der christlichen Theologen als Kriterium gegen die Volksprache hinzustellen. Aus solchen Stellen, denen sich ein ganzer Zitatenschatz aus der offiziellen und aus der sonstigen zionistischen Publizistik anreihen ließe, geht es klar hervor, welche dominierende Stellung die These von dem Untergang der Judenheiten in dem zionistischen Lehrgebäude einnimmt. Hier ist leider nicht der Raum,