Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik 77 Vorstellung machen kann und darf, der sie mit tiefer Intuition erlebt hat. Noch ahnt der Westjude gar nicht, daß es nicht genügt, mit ein paar willkürlich gedeuteten Zahlen und statistischen Kurven zu operieren. Trotz Nietzsche weiß er es nicht, daß das Leben eines ewig jungen Zwölfmillionen Volkes aller aus Zahlen gedeuteten Gesetze spottet. Daß es nicht genügt, nette, kleine Facharbeiten zu schreiben; daß man mehr haben muß als ein bißchen methodische Schulung, und die ästhetische Durchschnittsverbildung, die der Westler stolz sein eigen nennt; daß, wer die Lebenserscheinungen des großen Volkes deuten will, frei sein muß von eigener schwächlicher Zerrissenheit und kleinen Judenschmerzchen; daß nur intuitive, in ihren Instinkten ungebrochene Menschen den Blick haben für das Volk und seine Wirklichkeiten, Und weil der Westler dies alles noch nicht ahnt, hat er auch niemals diese Kriterien gestellt an die, welche ihm Theorien über das jüdische Volk zum besten gaben und ihn über die Juden der Gegenwart auf ihre Art informierten.--- So ist es dem Westen einzuhämmern, daß die Voraussetzungen, mit denen er bisher an seine philanthropischen und nationalistischen Arbeiten herantrat, falsch sind; von irregeleiteten Gefühlen ihm diktiert; ohne alle empirischen Unterlagen. Es ist ihm einzuhämmern, daß es in der Regel ostjüdische Westler waren, denen er seine falschen Bilder vom Volk verdankt. Daß er weiterhin mit trüben Augen und leidenden Herzen an die jüdischen Dinge nicht herankommen darf, und von jedem, der dem Volk Prognosen stellt, und vorgibt, für das Volk (und nicht für seine eigenen Liebhabereien) zu arbeiten, verlangen muß: Anschauung, intimste und durch künstlerische Intuition geschärfte Untersuchung jeder, aber auch jeder der breiten jüdischen Positionen des Ostens. Soviel zur Erschütterung jener stillschweigenden Voraussetzungen, aus denen heraus der Westen das Volk und seine Probleme unbewußt, sanften Herzens brutalisiert. Ihnen gegenüber ist immer wieder die Souveränität des Volkes über alle seine Helfer und vermeintlichen Retter zu proklamieren. Darum geschieht es, daß wir jetzt den Zionismus vor das Forum der jüdischen Wirklichkeiten laden* Es war nötig, das herauszuheben, was die Zionisten mit allen „Westlern" gemein haben. Hier gilt der Ärger nichts, den man selbst bei Freunden mit solchen Feststellungen erregt; hier kommt alles darauf an, ob sie richtig sind. Und ich glaube,