Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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76 F. M. Kaufmann, AHjüdische Kritik. im nichtjüdischen, den Wert und die vitale Bedeutung zentraler Volksmassen kaum erkannt hatte. Sie entsprechen jenem Bild, das aus den Köpfen der Westler nicht auszulöschen ist, und das die jüdischen Massen darstellt wie eine Bande von Schnorrern und Habenichtsen — dazu eine Anzahl reicher Protzen. Es sind das ja in der Tat die einzigen erfahrüngsmäßigen Bilder, die der Westler bisher vom Osten empfing. Dazu die Angst und der Widerwille vor dem Gemauschel, dem „schlechten" Deutsch. Gewiß: heute ist das Bild durch die Berührungen östlicher mit westlichen Zionisten einigermaßen erweitert worden. Oder auch verengert, versimpelt Denn der Westler durchschaute nicht, daß diese Intelligenten, die in der Regel alles taten, um nur nicht als Westjuden aufzufallen, nur eine geringe, unbedeutende Schicht in dem großen, komplizierten Gebilde der zentralen Judenheiten darstellen, (Nur so ist es zu erklären, daß es in zionistischen Proklamationen noch immer heißt: „der Zionismus ist das Judentum selber; oder: „das Volk ist mit uns.") So kam es dazu, daß die Volksliebe der Zionisten nichts weiter ist, als Interessengemeinschaft mit der gleichgesinnten östlichen Schicht, und für das eigentliche Volk, für die Schnorrer und Habenichtse nichts von dieser Liebe abfiel Die großen Massen, die das Volk repräsentieren, leben selbst für den Zionismus noch immer im Dunkel Noch immer fehlt den Westlern das primitivste soziologische Verständnis für die jüdischen Dinge, weil die gefühlsmäßig erworbenen Voraussetzungen sie hindern, an die Dinge heranzukommen. Dabei ist das derzeitige jüdische Volk in seiner territoriellen Zerrissenheit wie auch in seinem Eingestelltsein zwischen die verschiedensten Kulturkreise schwerer zu übersehen als irgend welcher Volksorganismus. Hinzu kommt die dem Westjuden völlig ungewohnte Erscheinung, daß es Judenheiten geben soll ganz anderer, viel stärkerer Art als die, die er sah, und die er aus Chamberlain's und derartigen Schriften kennen lernte; daß es Judenheiten gibt mit ausgeprägtester ständischer, wirtschaftlicher, kultureller Gliederung. Daß die zentralen Massen gar keinen einheitlichen Typ „Ostjude" darstellen. Daß die dünne, alle wesentlichen Züge der Westler tragende Schicht vermögender Bourgeoisie, soviel sie sich auch bemerkbar macht, nie und nimmer verwechselt werden darf mit dem Volk. Daß sie getragen wird von breiten^ gewaltigen Massen, von deren Denken, Wollen, Fühlen, von deren ungebrochenen Instinkten und Fähigkeiten nur der sich eine