Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Alljüdische Kritik
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
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F. M. Kaufmann, Alljüdische Kritik. 75 die nur von der religiösen, nicht von der ethnischen Gemeinschaft reden. Und schließlich die Zionisten, die schon von einem Volke reden, von einem, das sie sich konstruierten, die aber nicht das gegenwärtige meinen, das lebende, das über uns allen thront. Der Gang dieser Untersuchung wird also so verlaufen, daß wir zuerst die allgemeinen Voraussetzungen jener westjüdischen Ideologien prüfen, das sich bewußt oder unklar mit dem Volke beschäftigen (Philanthropie, Zionismus), und von deren Kritik übergehen zu den besonderen Voraussetzungen des Zionismus, der, was sein Wollen und seine Aktivität angeht, der reifste Ausdruck dessen ist, zu dem die teiljüdische Auffassung überhaupt befähigen kann. Von den Voraussetzungen des Zionismus trennen wir die des Palästinaismus, um sie später besonders zu behandeln. Wenn wir jetzt die Voraussetzungen, die der teiljüdischen Auffassung zugrunde liegen, und den „Westlern" eigen sind, prüfen, so können wir hierbei nicht die scharfe Linie ziehen zwischen Philanthropen und Zionisten, zwischen „Assimilanten" und Nationalisten. Denn das diese Richtungen Trennende wird ja häufig genug in den Parteiblättern hervorgehoben. Aber das beiden Gemeinsame kommt den wenigsten zum Bewußtsein, weil sie sich nur an die Äußerlichkeit des verschiedenen, künstlich gereckten Wollens halten, nicht aber an die grundlegenden und feinen, nur dem unbeteiligten Beobachter zugänglichen psychologischen Gemeinsamkeiten. Das nun, was stillschweigend dem Fühlen, dem Denken und den Aktionen der Westler zugrunde liegt, läßt sich in folgende Sätze zusammenfassen: 1) Der Westler vermag ohne weiteres die jüdischen Dinge (das, was wir Gesamtorganismus nannten) zu überschauen. 2) Er weiß die Erscheinungen des „Judentums" richtig und objektiv zu deuten. 3) Er ist fähig, für das jüdische Volk Lösungen zu schaffen. Es ist wohl überflüssig, erst den Beweis zu führen» daß dies die Voraussetzungen der Westler sind. Ohne sie bliebe ja jede ihrer Handlungen, ob philanthropisch oder nationalistisch gerichtet, sinnlos. Das Gefährliche aber an diesen Sätzen ist dies, daß sie bisher niemals von den Westlern durchdacht und untersucht wurden. Sie sind rein gefühlsmäßig gewonnen, stammen zum größten Teil aus einer Zeit, wo man in Westeuropa, auch