Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 55 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119803-3119946--0070-3120047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
55 Soldat tat ihm ein bißchen leid . . . Aber in dem Augenblick, in dem er seine Füße wieder hörte, schwand alles Milde, und nur der Täter seiner Tat blieb am Wege kauern, das tötliche Messer in der Hand. Der Posten kam, eine Zigarette im Munde, die sein Gesicht zeitweilig scharf erhellte, die Hände fröhlich schlenkernd — Leo sah alles wie in halber Dämmerhelle — in offenem Rock und ohne Mütze und Gewehr. Daß der Mensch nicht traurig von seiner Liebsten ging, sondern fröhlich, erfüllte Leo mit solcher Verachtung, daß er es sofort tun mußte. Der Mann kam auf ihn zu — in den Rücken? zwischen die Schultern? nein, von vorn, beschloß er schnell — ging an ihm vorüber, Leo erhob sich, ließ das Cape hinter sich gleiten und machte nackt zwei, drei Schritte hinter ihm her. Dann, dicht an ihm, zischte er kurz, wie man wohl auf der Straße einen Bekannten anruft. Der Soldat drehte sich um wie herumgerissen, und mit einem von den Indianern seiner Bücher erlernten Stoß, der gleichzeitig ein Schnitt war, öffnete ihm der Knabe von rechts nach links die Kehle, knapp unterm Kinn. Etwas Warmes, Riechendes sprühte sogleich und näßte ihm Haar und Stirn; der andere griff nach dem Halse und fiel ins Gras, als zöge ihm wer die Füße fort. Leo machte einen jähen Satz rückwärts, wickelte sich in sein Cape und saß eine halbe Minute zitternd und kraftlos in dem gewärmten Heu, Er hatte es getan, er hatte es getan, jauchzte es in ihm, er hatte es getan! Und sein Glück, sein Stolz, seine tolle Freude stieß wie Opferrauch steil nach dem Himmel. Er war nicht zu schwach gewesen. Er hatte, er allein, den Vater gerächt. Dann erinnerte er sich, wo er sich befand; am gefährlichsten Ort. Zurückschwimmen, sagte er sich und dabei untertauchen und sich reiben, damit das Klebrige verschwinde; dann anziehen, zum Rad, nach Haus. Er schauderte davor zurück, noch einmal zu dem Soldaten zu treten; daher legte er sich es als Pflicht auf, und überdies erinnerte er sich der Krähe. Er griff sie beim Flügel und Heß sie auf den Nacken des Toten fallen, der auf seinem Gesichte lag; der große Schnabel neigte sich zu seinem Ohre. Er hat richtig ins Gras gebissen, dachte Leo voll sattem Haß, aber .froh, das Antlitz des Mannes nicht sehen zu können; und als er sich bei diesem Gefühl ertappte, wünschte er seine elektrische Lampe her, ihn umzudrehen und anzuleuchten. Er hätte dann erkennen müssen, daß dieses bartlose Gesicht gar nicht jenem gehörte, der am Freitag nach ihm und der Krähe geschossen hatte . . . Er schwamm zurück; mitten im Flusse Heß er das Messer fallen und reinigte sich. Er wand die Badehose aus, trocknete sich mit dem Handtuche gründlich ab, kleidete sich schnell an und brach auf das Rad zu suchen; gar nicht müde, jedoch halb erstaunt über eine gewisse öde Traurigkeit, die sein Herz ermattete, als Rest aller der Erregung der letzten Stunden . . . Aber er hatte es jedenfalls getan. Zweifellos würde