Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 54 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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54 einen Turban um den Kopf und stieg in das blaue, dumpfig riechende und schlammige Wasser. Nach neun und einem halben Stoße landete er, etwas weiter unten als er wollte, und von dem toten Vogel sehr behindert, dessen Gefieder sich voll Wasser gesogen hatte. Das He'rz schlug ihm von den Rippen bis an die Zähne. Er wühlte sein Horchen wie Fühler in die Nacht, aber nur der Regen lärmte auf dem Flusse. Dennoch blieb er bis zu den Schultern im Wasser stehen, knietief im Uferschlamm, und öffnete erst den Turban; dann schob er sich aufs Feste und verhüllte sich sofort mit dem schwarzen Tuch, die Kapuze über das Gesicht ziehend. Aber der Feind blieb aus; vermutlich lag er irgendwo im Gebüsch und verfluchte den Regen, der Leos schlammige Beine sauber spülte. Er trocknete sie mit dem innern Saum des regendichten Mantels und zog, nicht ohne Mühe, über die noch feuchten die langen Strümpfe. Dann kauerte er geduldig wiewohl frierend, den Dolch in der Hand, hinter sich einen der Erlenbüsche und einen Heuhaufen vor sich, dicht am Wege. Eine ferne Uhr schlug halb; ein Eisenbahnzug tobte, schon fern vernehmlich, über die Brücke; die Uhr schlug dreiviertel; der Regen ward dünn, versiegte, schwand, und die Sterne begannen in schwarzem Himmel das hellere Grau der Wolken zu zerlöchern. Die Schritte meldeten sich eben wieder, ziemlich nahe; aber etwas Fremdes tat sich mit ihnen kund. Und plötzlich hörte Leo zusammenschreckend Worte eines polnischen Gesprächs, dessen antwortende Stimme einer Frau gehörte, hoch und spröde : Bleib noch, sagte der Mann. — Geht nicht, antwortete es. Noch einmal bloß, beharrte er* Aber das erzeugte eine schnell vorgebrachte Rede: — Aber ich habe keine Zeit, es ist so schon zwölf. Ehe es wieder anfängt, muß ich doch zu Hause sein! Darauf resignierte er; Nun da gehe. Und es war nun an ihr, zu bitten: — Komme mit, ein kurzes Stück * , Laß den Mantel doch so lange liegen I Er brummte: meinetwegen, und sie entfernten sich, nach einer anderen Richtung als sonst, wohl auf das Dorf zu. Leo fand sich verwirrt hinter seinem Heuhaufen. Er wußte nur vag und in wirren Umrissen bescheid; dennoch zweifelte er nicht daran, daß er ein Pärchen, wie man das nannte, reden gehört hatte . . . Dieser Soldat hatte eine Liebste, eben war er mit ihr beisammen gewesen unter irgend einem Busch, und morgen würde sie ihn auf der Erde liegen finden, naß und kalt wie jetzt sein Mantel irgendwo auf dem feuchten Boden lag . . . Leo zitterte ein wenig vor Kühle; aber er schob das nasse Heu beiseite und schmiegte sich ins trockene, das sich darunter fand , , Eigentlich tat ihm das Mädchen leid, und auch der