Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 56 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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66 man Schmuggler verdächtigen. Es begann zu regnen; er legte das feuchte Cape um und grub die kalten Hände in die Hosentaschen, betrübt, daß es nun nichts außergewöhnliches mehr zu verrichten galt, und von leisem Mitleid angeweht, wenn er des Mädchens gedachte Nun gab es nur noch einen wahrhaft schönen Augenblick: den des Berichts, wenn Eli kam; dabei gedachte er plötzlich mit unwiderstehlicher Deutlichkeit des Vaters, daß auch er eine Nacht lang im Freien gelegen hatte wie jener Tote auf dem Weg, und wenige beißende Tränen traten über seine Lider und rannen bis in die Mundwinket, salzig, bitter und feucht. Als er es nach Wochen dem Bruder erzählte, lagen sie beide in ihren Betten, im Dunkeln, wie früher, und er brauchte dieses völlig veränderte Gesicht nicht mehr zu sehen, dieses gealterte und schmale Antlitz mit verschlossenem Munde und großen Augen; er sprach nicht eher davon, als bis er jenen hatte mancherlei Antworten geben lassen, in denen seine alte Stimme klang, etwas leiser vielleicht, aber dieselbe Stimme. Dann berichtete er. Als er geendet hatte, ergab sich jene Pause, in der man auf Antwort wartet. Und Eli wußte, was er dem Knaben zu erwidern hatte. Ein schwermütiger Neid befiel ihn: wie leicht jener das Schicksal aus sich herausgeschleudert hatte, das in ihm, Eli, auf immer steingleich versperrt lag . . . Er gewahrte ihn aus einer weiten verblassenden Entferntheit, ihn, der früher einmal nur 18 Monate weniger gehabt hatte, als er selbst. Jetzt dehnte sich zwischen ihnen ein Jahrzehnt, und mit diesen altgewordenen Augen blickte er auf die Tat. Er sah ihre ganze Unhaltbarkeit und Trauer, die nutzlose Opferung eines Menschen und die vergebliche Heftigkeit und Größe des Begangenen; die rührende Hingabe des Knaben an seine Sache und die schlimme Sinnlosigkeit dieser Sache selbst — zugleich aber die unerbittliche Versponnenheit des einen ins andere; nnd indem er all das mit tiefer Wehmut im Herzen fühlte, sagte er leise, mit sehr müder Stimme: »Du bist ein Held* Ich bewundere dich.« Und im Dunkeln lautlos und glücklich lachend ließ Leo seinen Kopf aufs Kissen fallen. Jiddishe Dichtung. Als Einführung zu den folgenden Proben aus der jüdischen (jiddishen) Poesie mögen einige ganz kurze sprachliche Bemerkungen, so gut es von einem Laien möglich ist, dienen. Dies glaube ich aus dem Grunde tun zu dürfen und zu sollen, weil in Westeuropa über die Sprache dieser Literatur, falls man überhaupt etwas von ihrem Dasein weiß, die sonderbarsten Anschauungen existieren.