Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 52 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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62 daß er nichts anderes, keine Furcht, zu fühlen Raum hatte Als er gleich nach dem Schuß noch lebte, brach ein Schweiß aus, und seine Schenkel zitterten. Dann kam ein knackendes Fallen durch die Aeste, und einen Schritt neben ihm schlug die Krähe ins Gras, warf sich einmal halb herum, zuckte mit einem Flügel und lag still auf dem Rücken, die grauen Füße leicht angezogen und wie griffbereit. Der Soldat sah noch einmal hinüber, dann nickte er der strammen Gestalt des Jungen zu, lachte ein bischen und nahm seinen Weg zwischen den Sträuchern und den Heuhaufen wieder auf. Leo blickte auf den großen schwarzen Vogel, den er noch nie so nahe gesehen hatte; seine leicht gebreiteten Flügel vergrößerten ihn noch. An einer Stelle in der Brust, unterhalb des Halsansatzes, zeigten ein paar Tropfen Blut die Wunde; es strömte vermutlich reichlicher aus dem Loch im Rücken, wo das Geschoß den kleinen Leib verlassen hatte, um im sonnenroten Abend weiterzufliegen und sich irgendwo weit zu senken. Der Kopf des Vogels tauchte beiseite gedreht und wie kaum zum Körper gehörend aus einem Kamillenbusch, und sein schwerer gebogener Schnabel drückte ein paar weiße Blüten nieder, auf die die noch offenen Augen hinzusehen schienen; das Gefieder des Halses glänzte metallen und schwarz : hatte er nicht ein jüdisches Gesicht? Da erlebte Leo mit völliger Gewißheit, daß jener Mörder es war, der auch seinen Vater erschoß. Er atmete tief, und Tränen überschmemmten ihm die Augen; aber nach einer halben Minute hatte er sich einigermaßen gefaßt Er breitete sein Taschentuch ins Gras, nahm die Krähe bei den Flügelspitzen — wie stark sie geblutet hatte! — und verbarg sie in einem leeren Kaninchenbau unter den Wurzeln der Birke. Dann bestieg er sein Rad, und während das rote Licht durch die flirrenden Speichen blitzte, überdachte er schon, wie es zu tun sei» Denn der Tod des Soldaten war beschlossen. Sonnabend um halb sechs lag er hinter Büschen und den Birken verdeckt und spähend: niemand. Erst kurz nach sechs ward seine quälende Ungewißheit erlöst: er kam. Der Dienst dauerte mindestens acht Stunden; nach Mitternacht kam Wochentags hier ganz gewiß niemand vorüber. Da es lautlos geschehen mußte, und auf der Stelle beendend, blieb nichts als der Dolch; und man konnte ihn handhaben, dank hingebend mitgemachten Indianerspiels. . . (Montag nacht zwischen zwölf und eins . . I) Die tote Krähe lag noch in ihrer Höhle. Das Abendrot, als er heimfuhr, deutete auf Regen. Sonntag regnete es mehrmals des tags, und besonders nachts. Montag vormittag trocknete die Sonne alles, aber gegen vier Uhr machten sich leichte weiße Wolken am Himmel auf. Er hielt trotzdem der Wittwe Gutlach gegenüber den Beschluß aufrecht, mit etlichen Kameraden in den Plesser Waldungen zu baden,