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Die Freistatt · 1913-04-01 · Heft 1 (April 1913) · p. Seite 51

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 1 (April 1913)
Article
Die Krähe
Date
1913-04-01
Page
Seite 51 (sequence 6)
Language
German
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51 man mit dem Leben eifen und durfte keinen Spaß machen, oder nur einen schnellen und harten wie einen Hieb durch die Luft, damit die Klinge pfeife. Als Leo den Soldaten zwischen Gebüschen hervorkommen und nahe an ihm vorbeischreiten sah, sagte er sich mit anhaltendem Herzen : Der istsl der hat meinen Vater erschossen. Und er erblich. Er wußte natürlich, daß nur durch ein Wunder dieser Mann jetzt hier und vor ganz kurzem daheim hätte sein können, und er meinte das auch gar nicht. Er meinte nicht, der Mörder seines Vaters und dieser junge Mensch da seien eine Person. Aber in einem anderen als dem gewöhnlichen Sinne zog der Unbekannte in die Gestalt des Gegenwärtigen ein, erfüllte und durchtränkte ihn, und es rann sein gehaßtes Blut in den Adern des Unschuldigen. Ohne den Zusammenhang klar zu überschauen sagte sich Leo schaudernd : »Er ist es« . . . Aber er zweifelte alsbald; er vertraute seinem Gefühl nicht, denn es trat zu neu vor ihn hin; dies oberflächlich Unwahre seiner Meinung bestach ihn und nahm die Gewißheit von ihm. Er murmelte : »Ist er es?« und sprang auf die Füße, Ist er es? gib mir ein Zeichen, flehte er in seinem Herzen. Da geschah es, daß das heftige und überraschende Aufspringen einer Gestalt so nahe der Grenze den Kosacken erschreckte und also — gleich darauf verdroß. Zwar war ihm gesagt worden, daß er auf die andere Seite des Wassers nicht zu achten habe. Aber die allgemeine Geringschätzung der Deutschen, die noch nie einen Uebergriff russischer Soldaten oder Gendarmen ernsthaft zur Rechenschaft gezogen und vergolten, sondern sich nur mattherzig dagegen verwahrt hatten, und das Machtgefühl, den Rock eines soviel größeren Staates zu tragen, verbündete sich gegen diese Unterweisung; und nicht sehr selten berichteten die Zeitungen von russischen Kugeln, die an deutschen Spaziergängern vorüberzischten, sie manchmal trafen und hin und wieder töteten. Der Kosack rief Leo zu : »Geh da weg«, in russischer Sprache. Der Knabe stand schweigend und bleich aber ohne Regung an eine große Birke gelehnt; er formte im Geiste russische Worte: du hast m mir nichts zu sagen; aber er begnügte sich, scharf in das etwa 100 Schritt ferne Gesicht des Gegners zu blicken, das die Abendsonne tief rötete. Als Antwort auf diesen Blick und diesen Widerstand schlug der Geärgerte die Büchse an; aber sei es, daß er von vornherein nicht die Absicht hatte, den andern zu treffen, oder daß, indem er die Bewegung vollzog, sein Wollen sich änderte, vielleicht von dem Befehl abgelenkt — genug, er hielt hoch über den Kopf des Jungen auf eine Krähe, die!<n noch lichten Wipfel der Birke breit hockte, und schoß. Leo hielt seine Wimpern angespannt oben, damit nicht einmal sie *m Krachen des Schusses zuckten, obwohl er glauben durfte, daß auf ihn gezielt seL Er haßte den Feind in diesem Augenblick so grimmig,

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