Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 50 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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50 er vor Ungeduld, Dann löste er mit einem tiefen Atemzuge und einem Vorstoß seines Willens die Spannung und Verknotung seines Geistes, und begann wieder geduldig und nachdenklich hinüber zu spähen, auf dem Bauche liegend, die Zigarette zwischen den Fingern, und als Deckung für Vorübergehende den »Waldläufer« aufgeschlagen im Gras und in den stark riechenden Kamillen, deren gelb und weiße Sönnchen er sich um harmlos zu scheinen ins Knopfloch steckte. Die Maitage dehnten sich lang und warm im Summen der Bienen; drüben fraßen Pferde mit gesenkten Köpfen von dem hohen Gras und peitschten die Fliegen mit den langen Schweifen; schön gingen sie umher, ganz unähnlich sich selbst, wenn man sie vor Wagen traf Dann lag eines Tages die Wiese kahl: man hatte am Morgen das Gras geschnitten, das erste Heu trocknete, Männer und Frauen begannen es in Haufen wie Bienenkörbe zu formen, der Mai endete bald, und noch wußte Leo Saamen nicht was tun. . . Da wurde ihm geholfen. Eines Freitags, nachmittags, als er gegen halb sieben Uhr unter seinen hohen Birken vom Rad sprang, ging drüben am andern Ufer zwischen den Erlenbüschen und den Heuhaufen ein Soldat entlang, kehrte unten an der Ecke um und kam langsam wieder zurück; auf dem Bajonett des Gewehrs, das er im Arm hielt, sprühte die tiefstehende Sonne. Leo begriff sogleich, daß man versucht hatte zu schmuggeln, und daß er da gehe, das zu verhindern. Er wußte, wie sie es machten, die Spiritusschmuggler: sie füllten die leichte Flüssigkeit in Schweins* blasen, banden davon, soviel sie sich zutrauten, an einen Ledergurt, enkleideten sich und schnallten den Gurt um die Hüften. Damit gingen sie ins Wasser — es gab überall Wasser an der Grenze — und schwammen zum verbotenen Ufer, wo sie im Gebüsch, im Wafd, in einer Bucht zwischen Hügeln erwartet und von ihrer Last befreit wurden. Die meisten dieser Schmuggler waren Knaben wenig älter als er, die um geringen Sold und der nächtlichen Gefahr willen das Gesetz brachen: denn wenn die Wachen sich rechtzeitig einfanden, blitzten Schüsse durch die Nacht, und mancher nackte Läufer, obwohl er seinen Gurt weggeworfen hatte, sprang mitten im Dunkel hoch und lag weißlich am Boden; manches tote Gesicht wurde offenäugig von den schwarzen Wassern der Przemsa gewaschen; denn die Kosacken schössen sofort und scharf* Sie alle sahen so aus wie dieser da, stramm und blond im grünen Rock, die hohe Mütze mit dem weißen Deckel schief über dem geröteten Gesicht, den kleinen Bart aufgedreht und gesund und lebensfroh in ihren hohen Stiefeln stehend. Es war gar kein richtiger Kosack vom Don oder Dniepr, man nannte die Truppe an der Grenze so, um sie furchtbarer zu machen; sie gefielen sich in ihrer Gefährlichkeit, und ihre kleinen kieselblauen Augen besahen die Welt gleichsam immer über einen Flintenlauf hin. Oft hatten die Schmuggler Brownings; da mußte