Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 49 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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49 Lider und stand vor dem Altar, während hinter ihm die Leute das Gotteshaus verließen. Er ging, aber er sah niemanden, denn er horchte in sich hinab, ob ihm nicht eine Antwort komme auf die Frage, was er tun solle. Erst als er schon zu Bett lag und die Nacht über seinem Haupte durch die offenen Augen ins Herz hinabsog, ward ihm die Antwort, die das Rauschen des Blutes in den Ohren Pulsschläge lang schweigen machte- Er hatte den Vater zu rächen. Darum war er also aufgespart worden. Darum hatte Gott gemacht, daß er diesmal nicht nach Haus fuhr, sondern wünschte, hier zu bleiben. Nicht weil er eine Lateinprüfung nachholen mußte — sie »konnten« ihn nur unter diesem Vorbehalt versetzen — nicht weil Edith Creutz mit blonden Zöpfen durch die Straßen gehen sollte und er neben ihn Jemand mußte da sein, stark und gesund, weil es Rache galt, Sühne und Tat Er machte Licht, suchte in den ersten Seiten des Pentateuch und las bei der Kerze jene hebräischen Worte, die deutsch lauten : »Hört meine Rede und merkt, was ich sage: ich habe einen Mann erschlagen mir zur Wunde und einen Jüngling mir zur Beule.« Da stand es . . . In seinen freien Stunden fand er von nun an nur einen Weg. Er hätte sich auch auf die große Brücke stellen können, aber da strömten stets Leute, und außerdem klebte da allenthalben Schmutz. So glitt er auf seinem Rade Straßen entlang, am Bahnhof vorbei, auf dem eines Tages Eli ankommen wüule, mit dem es bereits besser ging (es mußte vorher getan werden), einen Promenadenweg mit vielen Birken, der schließlich aufwärts durch den hochgelegenen Garten eines Gasthauses führte, zwischen zwei Zäunen wieder hinunter und hügelauf und ab an einer einstigen Badeanstalt vorbei, abwärts zum Bache. Dieses schwarze und langsame Wasser bildete die Grenze; links entlang sah man schon russischen Boden; und daran nicht genug, begannen jenseits einer Eisenbahnbrücke auch schwarzgelbe Grenzpfähle zu stehen. Die kleine Stadt ~ und dies war in der Tat ihr einziger Reiz — lag dicht an jener merkwürdigen Stelle, wo die drei Kaiserreiche Europas einander berühren, und die man im Alltag ziemlich salopp die Dreikaiserecke zu nennen pflegte. In ihrer Nähe stieg Leo aus dem Sattel, um die Maschine an einen Baum zu lehnen und die violette Schülermütze neben sich, aus dem hohen Grase haßerfüllt und ohne Entschlüsse hinüber zu starren in das mörderische Reich, das sich grün und friedlich jenseits des Flüßchens erstreckte, und das im Duft des Horizontes nur seinem Auge, nicht seinem Haß eine Schranke bot Er kannte es nicht, Rußland; wohl fuhr er mehrmals imjahre sieben oder achtStunden mit schnellen Zügen, um seinen Vater zu besuchen, aber er kam damit nicht über die Schwelle des Reiches hinaus. »Ja, Rußland ist weit und breit«, pflegte der Vater manchmal zu lächeln. Und dennoch lag er hier, ein Einzelner und ein Knabe, um es zu hassen, zu bekriegen, zu zerstören. Aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte, und manchmal verzagte