Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 48 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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48 anderem. Zwar veranlaßte ihn der wohlmeinende Direktor, alsbald wieder die Schule zu besuchen, damit ihm nicht in einsamem Grübeln die Trauer das Herz zerfresse, wenn er sich ihr ungestört hingeben konnte; und die Kameraden bedachten den jäh Verwandelten mit ernsthafter Hochachtung ohne MiHeid, selbst geehrt durch die Ehre seines Verlustes, der auf heldenhafte Art, von Säbeln und Kugeln der Uebermacht, das Leben naher Menschen verloren hatte. Auch gefiel ihnen die kalte blasse und harte Miene, mit der Leo sein Schicksal trug, ohne Pomp und Nachdruck sondern so schlicht wie den Trauerflor um Hut und Aermel, den man ihm darum genäht hatte, und den er tapfer bemüht war zu ignorieren — wie man etwa einen eben geheilten Arm unter innerer Ausspannung gern sorglos bewegt. Aber außerhalb der Schulstunden hielt er sich allein, und niemand hätte ihm das wehren dürfen. Denn das andere, was ihm auferlegt war, mußte er mit sich ganz allein bereden und beenden. Dieses andere, anstatt es nüchtern herauszusagen, sei zugleich mit dem Orte und der Stunde gegeben, in der es in ihn eintrat. Nach der Sitte der Juden hatte er nach abgemessener Trauerfrist, wenn er den Tempel zum ersten Male wieder betrat, gegen Ende des Gottesdienstes, vom Diener feierlich hereingeführt, an die Lichter des Altars zu treten und, die Bücke der ganzen Gemeinde im Rücken, mit lauter Stimme ein Gedenkgebet für den Toten zu sprechen, an dem der Vorbeter sich beteiligte und dessen Strophen die Menge chorisch beendete. Der Weg bis zu den Stufen des Altars gelang ihm nur durch einen unbegreiflichen Glücksfall; obwohl er die Zähne aufeinanderbiß, die Nägel in die Handfläche bohrte und jeden Schritt gesenkten Auges befehlsmäßig hervorrief, begriff er nicht sein Dastehen, als er angelangt war. Dann aber, als er zu sprechen begann und durch Kreise von Licht nur die goldgestickten Löwen auf dem Vorhang sah, nichts weiter als hinter Kreisen von Licht die goldenen Löwen auf dem grünen Sammet, der vor den Rollen der Heiligen Schrift niederhing; als das Volk hinter ihm wie eine Kruste abfiel, der Raum zerbröckelte und schwand, und er seine Stimme spröde und klar in leeres Licht hineintönen hörte — als er seine Scham hier zu stehen, seine blutrünstige Trauer, seine Einsamkeit und sein ganzes Leid wie ein Opfer ins Licht hinaus warf und gleichsam hohl, fast wie auf sein Angesicht gefallen, nur noch Stimme war und ein übrig bleibender Rest: da, am Ende der Ceremonie, trat jäh eine Empfindung von Ernst und Verantwortlichkeit in ihn, ein Gefühl ungeheuren Verpflichtetseins, sodaß er sich plötzlich wieder ganz ausgefüllt, aufgerichtet und gestrafft spürte. Tun! sagte etwas, nicht reden, tun! Tun 1 Tun! Und als er die Augen schwindelig schloß, sah er die schwarzen Blicke des Vaters ganz groß auf sich gerichtet, umgeben von Stirn und Wangen, ganz weiß, verschwimmend in Schwärze; und auch dieser Blick befahl ihm, zu tun. Er hob die