Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Die Krähe
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 47 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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47 neben dem nachläßig zurückgelehnten »Alten« in etwas aufgeregter Haltung die ältliche Dame erblickte, bei der er gegen angemessenes Entgelt Wohnung und Nahrung erhielt. Der Chef wies ihm einen Stuhl an _ wars möglich? Und was bedeutete es? In seinen Händen raschelte ein Brief - . .! Und wie er noch innerlich flehte, so schnell als möglich unterrichtet zu werden, teilte man ihm mit (nicht wahr, man kann ein ausgezeichneter Pädagog und in menschlichen Angelegenheiten dennoch ein wenig ungewandt sein), ihn habe ein Mäßgeschick, ein schlimmer Unglücksfall betroffen, dadurch daß — und vor lauter Behinderung und Teilnahme sprach der Berichtende rasch und sachlich — in seiner russischen Heimatstadt bei den Unruhen am vergangenen Ostersonnabend sein Vater und sein Bruder . , . Hier erhob sich der Knabe mit einem Gesicht so weiß wie Mehl und Augen, die nichts sahen, und formte mit den Lippen die Frage: Tot? »Ihr Bruder lebt, wenn auch . . .« antwortete der Direktor eilig vor Unbehagen, denn er wußte, daß der Schüler seit langem keine Mutter mehr besaß; und Frau Gutlach äußerte gleichzeitig etwas von guter Hut . . * Darauf gab Leo Saamen mit leiser Stimme, lallend und stotternd, endlich das Wort »Vater« von sich; der Direktor beurlaubte ihn für die nächsten Tage, der Knabe wandte sich tappend zum Ausgang, und erst dicht bei ihm, die Hand am Türgriff, wurde die Schraubendrehung des Zimmers rund um ihn, die Uebelkeit brachte, zu heftig für seinen Willen, und er sank langsam hin. Nach einigen Tagen erlaubte der Arzt, ihm alles zu sagen; der Inspektor Saamen hatte nach den Worten des polnischen Torwächters am Sonnabend Abend die Fabrik verlassen, später als er zu tun pflegte, und zwar mit seinem Sohne Eli; wie der Pole vermutete, um das Pogrom zu sehen. Als er in der Nacht nicht heimkam, suchten ihn seine Leute am Morgen und fanden an der Ecke der Katharinenstraße die Leiche, durch den Rücken geschossen, unweit von drei ebenfalls toten Unbekannten verkommener Art, offenbar den Gegnern eines Kampfes, und nur wenige Schritte von seinem Sohne entfernt, der aber noch lebte. Ein Säbelhieb, durch Pelzmütze und dichtes Haar gehemmt, hatte nicht genügt seinen Kopf zu zertrümmern; nun lag er in der Villa des Fabrikherrn, der seinem Inspektor stets wohlwollte, und da der Kommerzienrat Wittich kraft Steuern, Trinkgelder und sonstigen Ansehens die Behörden beherrschte, war für den Verwundeten nichts mehr zu fürchten; denn der Säbelhieb, der nach ärztlichem Gutachten von der langen schmalen Klinge eines Offiziers herrühren mochte, würde langsam heilen, und überdies galt es für beschlossen, daß Eli, sobald er reisen konnte, zur Schule und zu seinem Bruder zurückkehren werde, indeß Herr Wittich alles Geschäftliche ordnete. So verhielt es sich, so lautete das Geschehnis, und Leo Saamen blieb es überlassen, damit fertig zu werden — damit und mit noch