Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Das jüdische ökonomische Leben
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 35 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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9$ Der Uebergang von der Vermittlung zur Arbeit, der Grundzug des eben erwähnten sozialen Prozesses, schuf für die jüdischen Massen die Möglichkeit, sich in den großen Städten zu konzentrieren (eine Million Juden in New-York, 100 000 in London usw. usw.) — und diese Kompaktheit wurde einer der wichtigsten Faktoren für das kulturelle und politische jüdische Leben Die Arbeit, die diesen Massen die Möglichkeit zu einer Konzentration gab, machte sie auch in ihrem sozialen, kulturellen Leben selbständiger und freien Es ist unmöglich sich eine Million jüdischer Händler und Mäkler in einer Stadt vorzustellen Nur durch die jüdische Arbeit wurde so etwas möglich. Und auch der jüdische Handel, von den vielen kleinen Krämern ohne Geld, den jungen Leuten aus der jeshiwe und »Schwiegersöhnen auf Kost« (bei den Schwiegereltern) befreit, wurde fester und stärker, wenn er jetzt auch sehr stark unter der Konkurrenz der bei den umgebenden Völkern entstandenen gleichen Klasse leidet Das jüdische öffentliche Leben wurde durch eine ganze Reihe sozialer, kultureller und politischer Institutionen, Organe und Bewegungen bereichert Die jüdischen mittleren Handels- und Industrieschichten in Rußland haben im Verlaufe der letzten sieben, acht Jahre dreihundert gegenseitige Kreditgesellschaften geschaffen, die an 100 000 Mitglieder zählen und jährlich einen Umsatz von einigen Zehntausenden Rubeln haben. Die niederem Handels- und Handwerksklassen haben in den letzten zehn Jahren 700 Kreditgenossenschaften („Leih- und Sparkassen") geschaffen, die an 400000 Mitglieder zählen, d* h, sie umfassen fast zwei Millionen Seelen von der jüdischen Bevölkerung Rußlands und machen einen jährlichen Umsatz von mehr als 40 Millionen Rubeln. In Rußland arbeiten jetzt drei Kolonisations- und Emigrations-Gesellschaften mit über 700 Filialen in der jüdischen Provinz mit einem jährlichen Budget von mehr als 100 000 Rubeln. Die jüdische professionelle und Arbeiterbewegung zählte im Jahre 1906, als man ungehindert agitieren konnte, zehntausende Mitglieder. Unter den jüdischen Handwerkern wurden Ein- und Verkaufsgenossenschaften gegründet und in neuester Zeit entstehen Handwerkerklubs, die sich die technische und kulturelle Ausbitdung ihrer Mitglieder zum Ziel setzen. Die „Bildungsgesellschaft" mit einem Budget von über 200 000 Rubeln jährlich tritt den Volksmassen immer näher und sucht inzwischen Wege