Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Das jüdische ökonomische Leben
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
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34 sprechen kann. Und die breiten Strecken des mittlerweile entstandenen jüdischen Lebensgebietes sind bereits von bestimmten sozialen Ständen und Klassen besetzt, von denen die einen schon ausgebildet, auskristaltisiert sind, während aridere sich erst im Wachstums-, im Kristallisationsprozeß befinden* Das einfache und fast einheitliche Händlertum entwickelte und teilte sich in Groß- und Kleinhandel, in Groß* und Mittelindustrie. Nicht minder entwickelte und teilte sich das ursprüngliche jüdische Handwerk in Handwerk im engeren Sinn und in Klein- und Mittelfabrikation. Im Rahmen jedes dieser Stände ging eine weitere Differenzierung vor sich. Es entstand ein jüdisches Handelsbürgertum und -Proletariat Ein jüdisches Klein- und Mittelindustriebürgertum kam auf und mit ihm zusammen ein jüdisches Fabriks- und Werkstattsproletariat In Rußland wandten sich über 180 000 Juden der Agrarwirtschaft zu und in verschiedenen Teilen Amerikas sind in den letzten zwanzig Jahren mehr als 60 000 jüdische Farmer und Kolonisten entstanden. Es bildete sich eine jüdisch-nationale Intelligenz. Die großen Massen der „lejdikgejer* und „shternkyker" (Nichtstuer) wurden von Handwerk und Fabrikation angezogen und schon im Jahre 1897 bildeten die arbeitenden Elemente, in Fabrikation, Handwerk, agrarischen Berufen und verschiedenen Stellungen beschäftigt, an 50% der russisch-jüdischen Bevölkerung. Und in Amerika, wo der Uebergangsprozeß von der Vermittlung zur Arbeit aus objektiven und subjektiven Gründen viel rascher vor sich ging, bilden die arbeitenden Elemente mehr als 75% der dortigen ostjüdischen Bevölkerung. Aus demselben jüdischen Körper wuchs noch ein reiches Geld- und Industriebürgertum und eine große Gruppe jüdischer Intelligenzler hervor — diese beiden allerobersten Schichten stehen außer und über der eigentlichen jüdischen Welt und dringen in die ähnlichen Klassen der stärkeren Völker der Umgebung ein, doch sind sie noch immer mit so starken Fäden an die jüdische Gemeinschaft gebunden, daß sie doch noch als Glied des jüdischen Körpers, wenn auch als krankes, betrachtet werden müssen. Das einfache, jüdische Leben spaltete und differenzierte sich und wurde daher reicher an Farben und Tönen, auch schöner und ethischer; die Massen begannen Anteil am politischen und kulturellen Leben zu nehmen.