Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-04-01 · Heft 1 (April 1913) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 1 (April 1913)
Article
Das jüdische ökonomische Leben
Date
1913-04-01
Page
Seite 33 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119803-3119944--0044-3120025
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

33 »Wunderrabbi«) und weiß Gott, wie sie noch alle hießen, spielten mit den schiechten Hirten unter einer Decke. *) Das waren die hauptsächlichsten sozialen Elemente des jüdischen Volkes zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die jüdischen Handwerker, die beinahe 10 13°/0 der gesamten jüdischen Bevölkerung bildeten, hatten auf das jüdische öffentliche Leben einen so geringen Einfluß, daß sie das allgemeine Bild fast gar nicht änderten. Ihre Kraft war so klein, daß sie noch im 18, Jahrhundert von den Wahlen zur Gemeinde, die damals eine bedeutende ökonomische und juridische Macht im jüdischen Leben besaß, einfach ausgeschlossen wurden. **) Wenn wir noch hinzufügen, daß im Ansiedlungsrayon eine derartige kulturelle Stockfinsternis herrschte, daß alles, was auch nur erwachen wollte, sofort erstickt oder ganz ausgestoßen wurde, ***) daß die ganze jüdische »Politik« von drei Petersburger Fürsprechern (shtadlunem), von denen sich zwei dann tauften, geführt wurde ****) — wenn wir uns für einen Augenblick dieses Bild sozialer Haltlosigkeit, kultureller Dunkelheit und politischer Unbedeutendheit des damaligen jüdischen Lebens vorstellen, dann werden wir leicht verstehen, daß die nationale Verzweiflung, von der alle Werke der »Aufklärer« durchdrungen sind, ihre tiefe Ursache in der traurigen, allzutraurigen jüdischen Wirklichkeit, ihren wahren Grund in dem damaligen hoffnungslosen jüdischen Leben hatte. Doch jetzt sind hundert Jahre vorüber. Von dem „Iek-yn-shmeku - Erwerb gibt's noch Ueberbleibsel. Der Ansiedlungsrayon leidet noch bis zum heutigen Tage an den Resten der einstigen „lyftmentshn" (»Luftexistenzen«) und „shtekalechjidn" („Spazierstockjuden") — ein trauriges Erbe, ein historisches Nachwehen der früheren Zeiten, als fast das ganze Volk von Maklerei und vom Jahrmarkt lebte. Aber die unbestimmten und undefinierbaren, man darf sagen, antisozialen Elemente nehmen nicht nur nicht mehr den breitesten Raum im jüdischen Leben ein, sondern sind sogar in einen so engen Winkel des jüdischen sozialen Feldes geschoben, daß man schon von ihren letzten Stunden *) Siehe Bencijen Kac, Tojldojs haskulas hajöhydim be-Rusjd". — „Hazman* 5663. (I, 97-100) [Geschichte der Aufklärung bei den Juden m Russland] **) Siehe Berschadski, „Die litauischen Juden* (russisch). . ***) Siehe Salomon Maimons Lebensbeschreibung Dieses Bild des Jüdischen Lebens vom Ende des 18 Jahrhunderts passt auch für den Beginn des 19. Jahrhunderts, ****) Siehe Hessen, Die Juden in Russland, S. 189, (russisch)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.