Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Judaismus und nationales Judentum
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 25 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^^^^J^^^^^Jj^^y^^^^ 25 Die meisten antiken Religionen sind in den Elementen des Gefühls und der Phantasie verankert. Sie beide sind an der Schöpfung des Mythos beteiligt, und aller Mythos ist ein Schauen der Gottheit in der Natur Die jüdische Religion trennt Gott von der Natur, sie entsagt dem Mythos. Ihre Stärke ist nicht der Glaube, sondern die Erkenntnis, das Wissen („Daat"). Sie beginnt damit, die mythischen Götter, die Göttergebilde des Gefühls und der Phantasie zu entthronen, und es ist in ihrem rationalen Wesen die Tendenz begründet, aus einer Volksreiigion eine Weltreligion zu werden. In der Erkenntnis ruht die Kraft des Judentums. Seine größte Schöpfung, die Sittenlehre, ist ein Kind der Erkenntnis. Die Erkenntnis ist im Judentum das Primäre, das Sittliche — das Sekundäre. Die Erkenntnis des Einen Gottes hat zur Erkenntnis der sittlichen Einheit, des Sittengesetzes geführt. Und das tiefste Wesen der jüdischen Religion ist das Gesetz. Die Opposition gegen den Mythos hatte das Gefühls- und Fantasieeiement unterbunden, aber auch das metaphische Motiv des Mythos. Der Mythos hat ein theoretisches Interesse an dem Kosmos, fragt nach dem Sein der Welt und ihres Schöpfers; die jüdische Religion aber wehrt sich gegen dieses theoretische Interesse des Mythos an der Welt und Gott, ist auf ein praktisches Interesse gerichtet, auf die Handlung. Die Attribute des jüdischen Gottes sind nicht Attribute des Seins, sondern der Handlung, — sagt richtig Hermann Cohen. Die jüdische Religion kennt keine Metaphysik, sie hat, im Grunde genommen, keine Philosophie, Ihre sogenannte Religions- Philosophie ist sehr spät und unter fremden Einflüssen entstanden. Ihre Erkenntnis orientiert sich nicht an einer theoretischen Kosmologie, sondern an dem Menschen und seinen Handlungen. So verstehen wir die vereinzelte Erscheinung, daß die jüdische Religion keine Glaubensartikel, keine theoretische Voraussetzung einer Lehre aufzuweisen hat. Gebote und Verbote, aber keine Lehrgrundsätze, Dogmen. Daher hat die Kabbalah keine Spaltung im Judentum hervorrufen können, da sie nur eine theoretische und keine praktische Reform sein wollte. In jeder anderen Religion führt eine neue Lehre, wie sie die Kabbalah darstellt, zur Sektenbildung; das Judentum aber vertrug von jeher die größten Differenzen theoretischen Charakters, die größten Meinungsverschiedenheiten unserer Weisen, sobald die Gesetze der Handlung