Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Judaismus und nationales Judentum
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 24 (sequence 6)
- Language
- German
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24 Kein Wunder, daß diese Theorie widerspruchsvoll ist Sie pendelt zwischen den beiden an sich folgerichtigen Kriterien, zwischen dem religiösen und dem nationalen. Dem einen entnimmt sie das subjektive Moment, die Forderung eines Bekenntnisses; dem anderen entlehnt sie das objektive Moment, das der historischen Entwicklung. So kommt es, daß dieses pseudonationale Kriterium des Judentums methodologisch schwächer fundiert ist, als das religiöse. Die Definition des Judentums als Religion ist klar und einheitlich. Aber der „Geist des Judentums" läßt sich nicht in eine Formel fassen und kann daher kein Kriterium bilden* Gar viele verschiedene Definitionen hat dieser Geist erdulden müssen« Die einen finden den Geist des Judentums im Monotheismus, die andern im Messianismus. Und noch ist die Frage nicht gelöst, ob unser Gott ein „Gott der Rache" oder ein „Gott der Barmherzigkeit" sei. Eine Definition ergründet das Wesen des Judentums im Optimismus, eine andere im Rationalismus. Und Sombart versteht sogar diesen Rationalismus als die kaufmännische ratio, die den „Geist" des jüdischen Volkes repräsentiere. Müßte man nicht, wenn diese Definitionen zu einem Kriterium erhoben werden, im Namen des „Geistes des Judentums" die Wahrung und Förderung des Monotheismus, des messianischen Gedankens, des Optimismus oder Rationalismus oder gar des Handelsgeistes als Wahrung und Förderung unseres nationalen Wesens fordern? Und in der Tat, es geschieht gar zu oft. Aber hier zeigt sich wiederum die Sinnlosigkeit jener Theorie vom Geiste des Judentums. Die konsequente und logischeTheorie der nationalen Idee muß dagegen sagen: All jene Ergründungen des Wesens des Judentums mögen wohl nationaleWertungen sein, nationale Qualifizierungen; nationale Kriterien sind sie nicht. Wie etwa der Satz: „Tout ce qui n'est pas clair, n'est pas frangais" vielleicht eine nationale Wertschätzung gibt, aber kein nationales Kriterium. Der Satz unserer Weisen »Juden sind barmherzig, schamhaft und wohltätig« besagt, wenn er richtig ist, eine Wertung unseres Wesens, doch keineswegs ein nationales Kriterium. Unsere Aufgabe ist aber* die grundlegende Bestimmung eines solchen Kriteriums. III. Doch angenommen, wir wollten den „Geist des Judentums" als ein Kriterium für das Jude-Sein ansehen, so müßten wir uns gegen den Nationalismus entscheiden. Die tiefste Eigenart dieses Geistes bedingt es, daß er nicht den Inhalt unseres nationalen Kriteriums bilden kann. Er ist wenigstens anational.