Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Judaismus und nationales Judentum
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 23 (sequence 5)
- Language
- German
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23 Macht denn das historische Band den ganzen Inhalt unserer nationalen Zusammengehörigkeit aus? Kommt es nur auf die Vergangenheit einer historischen Familiengemeinschaft an? Kann man nicht aus dem Judentum scheiden, wie man etwa sich nicht von einer Familie lossagen kann? Dann hätten die ersten zwei Kriterien den Vorzug des Freiheitsprinzips, da sie das Judesein als ein religiöses oder sittliches Bekenntnis auffassen, während das nationale Kriterium dieses Sein als ein geschichtlich Gegebenes, das nicht durch ein Bekenntnis aufgehoben werden kann, zu bestimmen scheint Dem ist aber nicht so. Das nationale Kriterium fordert neben der historischen Familiengemeinschaft den Willen zur Gemeinschaft in Zukunft Also zwei Momente; das Moment historischer Gebundenheit und das Moment eines historischen W o 11 e n s . Von dieser Formulierung des nationalen Kriteriums aus, wie sie in dieser Präzision bisher noch nicht gegeben worden ist, geht Dr.Klatzkin zu einer vernichtenden Kritik des Afternationalismus über, der sich auf die Theorie vom Geiste des Judentums stützt Dieser geistige Nationalismus beruft sich auf den Entwicklungsgedanken. Der Geist des Judentums habe sich von der Religion zu einer sittlichen Weltanschauung entwickelt und in einem bestimmten Ideenkomplex Ausdruck gefunden Wollen wir unsere nationale Existenz fortsetzen, so müssen wir diese Gestaltung unseres Geistes wahren und fördern. So glaubt dieser Afternationalismus die nationale Entwicklung des Judentums als die Entwicklung einer bestimmten Weltanschauung begreifen zu sollen. Er begeht aber einen methodischen Fehler: er unterscheidet nicht zwischen nationaler Wertung und nationalem Kriterium. Der nationale Wert einer Idee erhebt sie noch nicht zu einem nationalen Kriterium, Ebensowenig, wie diese Wertung des nationalen Geistes das Jude-Sein vom Bekenntnis zur jüdischen Religion, die doch sicherlich einen hohen nationalen Wert repräsentiert, abhängig macht, darf sie für unser nationales Dasein das Bekenntnis zur jüdischen Ideenlehre fordern. Die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf ein nationales Kriterium des Judentums kann schon deshalb nur eine Wertung und keine Definition des jüdischen Geistes ergeben, weil wir doch nicht entscheiden können, welcher Fortschritt eine evolutionistische Fortsetzung und welcher eine revolutionäre Diskontinuität des „geistigen Wesens" zu bedeuten hätte.