Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Judaismus und nationales Judentum
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 22 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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22 folgerichtige Theorie unserer nationalen Idee schaffen wollen, müssen ohne Scheu und Furcht auch diesem Erbteil des „Judentums des Geistes" — des Assimilationsjudentums — entsagen. Wir müssen die Tragweite der nationalen Denkart ermessen und dürfen die Scheidelinie zwischen zwei großen Epochen nicht verwischen lassen. IL Bis zum Auftreten der nationalen Idee gab es zwei Kriterien des Judentums: das Kriterium der Religion, wonach das Judentum eine Lehre von Gesetzen und Geboten ist, und das Kriterium des Geistes, das im Judentum eine Lehre von Ideen, wie die Idee des Monotheismus, der Sittlichkeit, der Messianismus u. s. w., erblickt Die beiden Kriterien stimmen darin überein, daß sie das Judentum auf ein subjektives Moment beziehen, auf ein Bekenntnis. Sie beide definieren das jüdische Volk als eine Gemeinschaft: als Gemeinschaft auf Grundlage der Religion — das erste Kriterium; als Gemeinschaft auf Grundlage einer Weltanschauung — das zweite Kriterium. Wer die jüdische Religion leugnet, stellt sich außerhalb der jüdischen Gesamtheit, — entscheidet die erste Definition; wer die Ideen des Judentums leugnet, stellt sich außerhalb des Judentums — besagt die logische Konsequenz der zweiten Definition. Das Kriterium des „Geistes" teilt sich nun in zwei Unterarten : die der Assimilation und die eines unreifen Nationalismus. Gegenüber diesen Kriterien tritt nun die dritte Definition auf: das Kriterium des konsequenten Nationalismus. Sie bezieht das Judentum auf ein objektives Moment. Sie lehrt: Jude-Sein bedeutet nicht ein Bekenntnis. Wir sind keine Glaubensgemeinschaft und keine Weltanschauungsgemeinschaft, sondern die Glieder einer Familie, die Kinder einer historischen Vergangenheit Nicht ein subjektives Moment verbindet und differenziert uns, sondern ein ojbjektives, die Gemeinsamkeit einer Geschichte* So stellt die Leugnung der jüdischen Weltanschauung nicht außerhalb des Judentums und das Bekenntnis zum Judaismus macht noch nicht zum Juden. Ein Nichtjude wird nicht Jude, indem er die Religion und die Ideen des Judentums anerkennt, und ein Jude hört nicht auf, Jude zu sein, indem er diese Religion und diesen Geist ablehnt Kurz, die nationale Zugehörigkeit zum jüdischen Volke bedingt nicht ein Bekenntnis zur jüdischen Religion oder zur jüdischen Weltanschauung.