Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Judaismus und nationales Judentum
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 21 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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So verstehen wir die tiefe Ironie, die als Ausdruck eines inneren 4 Konfliktes sich darin kundgibt, daß die Juden der Emanzipationszeit das Aufgeben der jüdischen Sonderheit zugleich mit der stolzen Verkündung der Missionsidee, die fast einen nationalen Chauvinismus bedeutet, als einen Imperativ der „Weltanschauung des Judentums " verstanden wissen wollten. So erkennen wir die Assimilation als eine Verirrung des nationalen Instinktes, der nach Erschütterung der judischen Religion in dem Ideengehalt des Judentums einen Stützpunkt, eine raison d'etre, zu finden glaubte. Der Instinkt irrte sich und führte vom Unbewusst- Nationalen zur Assimilation, da diese Ideen, die er als den Geist des Judentums zur Rechtfertigung seiner Existenz angerufen hatte, sittlicher, d. h. allgemein-menschlicher Natur sind und in einen entnationalisierenden Universalismus und Kosmopolitismus auslaufen mußten. An einem ähnlichen Zwiespalt und an einer ähnlichen Ironie krankt auch die westjüdische Orthodoxie, Der durch die Krisis der Aufklärungszeit in Verlegenheit geratene nationale Instinkt klammerte sich an die Tradition und führte ihr somit neue Lebenskraft zu. Der nationale Instinkt war es, an dem in Westeuropa unsere Religion, aus der die Seele, der religiöse Glaube bereits geschwunden war, sich wieder aufrichten konnte. So operiert auch diese Orthodoxie mit den Begriffen des Assimilationsjudentums: der jüdischen Weltanschauung und Mission. Als nun die nationale Bewegung einsetzte, hätte man annehmen müssen, sie werde mit dem „geistigen Judentum" endgiltig aufräumen. Das geschah aber nicht Eine der stärksten Grundlagen des „geistigen Judentums" blieb erhalten und wurde in die Gedankenwelt der nationalen Renaissance übernommen. So kommt es, däss auch Verfechter der nationalen Idee den „Geist des Judentums" anrufen. Die oft wahrnehmbare historische Erscheinung, daß Surrogate, die zur Erfüllung einer Aufgabe bestimmt sind, kraft des Trägheitsgesetzes ihre Geltung nicht einbüßen auch lange nachdem sie ihre Funktion erledigt hatten, bestätigt sich auch hier Die Ideen eines geistigen Judentums, die der nationale Instinkt in seiner Abwehr als Ersatz für die Religion gebrauchte, haben sich ihrerseits der nationalen Erkenntnis bemächtigt, die doch als Erkenntnis diese Abwehr nicht mehr benötigt, und für die jener Schutz eine Gefahr bedeutet. Wir aber, die wir eine in sich