Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Ein Dokument der Assimilation
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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hat. Allgemein gilt das Dogma von der allein seligmachenden Sinnlichkeit, vor allem Anschaulichkeit Sieht ein Kritiker deutlich das Verstandesmäßige am Werke, findet er Pointen, bemerkt er eine weniger anschaulich-bildliche als geistige und rhetorisch-musikalische Formung, so ist die betreffende Dichtung für ihn erledigt. (Hier kann natürlich nur von den Kritikern die Rede sein, die wirklich Kunst kritisieren wollen, d. h. geformten Stoff, nicht von der Menge Schreiber, die am Stofflichen haftet und vielleicht oft anders denkt.) Es ist das Werk Göthes, des sinnlichsten Dichters, daß für die Moderne vor allem lebendig wirksam ist, das in hohem Grade den Geschmack bestimmt Und dieser einseitige Geschmack mag für den Deutschen im allgemeinen gut und wesentlich sein. Das Blut Göthes ist sein Blut, die instinktive Verachtung Göthes für die rein Geistigen, die in der »Diana der Epheser« großartig sich äußert, ist seine Verachtung. Wo aber in einem großen Kulturkreise eine dogmatische Tendenz dieser Art herrscht und alle andern sich unterwirft, da müssen auch die Kulturträger sich psychologisch in zwei Kasten scheiden; in Herren und Sklaven. Herren sind die, deren Wesen verwandt ist dem Wesen, welches das Dogma schuf. Sklaven sind die, welche ihm folgen müssen wider ihr Blut Sklaven sind die, welche das Werk ihres eigenen Stammes nicht würdigen dürfen, weil das geistige Gesetz der Fremden über ihnen steht Sklaven sind wir alle, die in irgend einer Sache bewußt oder unbewußt ein solches Gesetz erfüllen. Der Artikel Bab's, der die künstlerische Arbeit der Juden verwirft, weil er den Maßstab der Deutschen an sie anlegt, ist ein Dokument unserer geistigen Knechtschaft Wer den Willen hat, von solcher Knechtschaft frei zu werden, wird auch den Weg »vom Jüdischen ins Dichterische« verschmähen, den zuletzt Bab weist »Man kann jene höchste Klugheit besitzen, die sich selbst überwindet und den Menschen voll Mißtrauen gegen alles bloß Intellektuelle langsam zur Natur zurück erzieht« Wir bestreiten, daß höchste Klugheit zu einer solchen Entscheidung führt Sie ist keine Sache des Verstandes sondern eine des Willens; es kann nicht bewiesen werden, es muß geglaubt werden, daß Geistigkeit weniger als Sinnlichkeit Kunst zu schaffen vermag. Wer es glaubt und durch Aufgabe seiner Art für eine fremde Künster werden will, der mag es tun; er bewährt damit seine Knechtschaft ebenso sehr wie seine