Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Ein Dokument der Assimilation
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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17 angewandt werden kann. Das heißt: wenn die instinktive Bewertung im Einzelfall, die ja doch bei dem Fehlen objektiver ästhetischer Gesetze allein ausschlaggebend ist, dem Prinzip widerspricht. Ein solcher Widerspruch ruiniert aber das System Babs in dem vorliegenden Artikel, und er sucht ihn fortzuschaffen, indem er das Prinzip einschränkt. Dabei übersieht er, daß diese »Einschränkung« in Wahrheit und konsequent durchgeführt gar nicht Einschränkung sondern Vernichtung des Prinzips bedeutet Bab muß nämlich Alfred Monibert als großen Dichter anerkennen, obwohl dieser Künstler alle geschilderte jüdische Eigenart im höchsten Maße bewährt. Diesen Widerspruch erklärt Bab mit dem Stoffkreise der Mombertschen Dichtung. »Eine wichtige Einschränkung ist zu machen; denn es gibt ja auch eine Poesie des reinen Geistes . . . Religionspoesie, religiöse Lyrik ist eine Aussprache mit dem Geist von Angesicht zu Angesicht uftd braucht den Umweg über die Welt der Sinnlichkeiten, über eigentliche Gestalten nicht mehr.« Nun, diese Einteilung des Stoffs im geistigen und ungeistigen scheint mir merkwürdig flach und mechanisch. Der Verliebte sieht alles mit verliebten Augen, und so wird dem Geistigen alles zu Geist, was er ansieht. Der Stoff wird in ihm vergeistigt; das ist jener noch vor der künstlerischen Verarbeitung liegende, rein menschliche Prozeß, den Bab so umschreibt: »sie müssen alles durch die Idee, die Reflexion treiben«. Nach diesem Prozeß ist der Stoff, welcher Art er auch an sich gewesen sein mag, im Dichter zu einem geistigen geworden. Und wenn man schon einmal die Möglichkeit einer geistigen, nicht wesentlich sinnlichen Form anerkennt, so muß man sie für jeden Stoff anerkennen, der diesen Prozeß durchgemacht hat. Damit ist natürlich die Anschauung, dichterische Begabung hänge mit einer naiven Sinnlichkeit unlöslich zusammen, nicht widerlegt. Solche Behauptungen können ja so wenig widerlegt wie bewiesen werden. Gezeigt ist nur, was einzig für den Verlauf unserer Betrachtung interessant ist; daß Bab dieses Prinzip nicht durchführen kann. Wie aber kommt dieser gewiß mehr intellektuelle als sinnliche Charakter dazu, die geistige Dichtungsform der Juden abzulehnen, obwohl er diese Ablehnung einer überzeugenden dichterischen Kraft gegenüber nicht aufrecht erhalten kann? Die Antwort fällt dem leicht, der einigen Ueberblick über die Lage der modernen deutschen Kritik