Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Ein Dokument der Assimilation
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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16 und das Haupt des Geliebten scheint golden, wie durch rote Gläser gesehen alle Dinge rot sind. Der Vers gibt denn auch weniger ein sinnlich vorstellbares Bild, er wirkt vage nur soweit auf die Vorstellungskraft als das zu vermittelnde Gefühl dadurch gefördert wird, während bei den meisten deutschen Gedichten das Gefühl von festen, sinnlichen Vorstellungen wie von einem Körper umschlossen ist. Diese starke subjektive Umwertung der Natur tritt an die Stelle der »Unschuld der Sinne«, die Bab wohl mit Recht den Juden abspricht, und doch ist das Hohelied, doch sind viele Verse Lasker-Schülers oder Momberts große Dichtung — vielmehr nicht doch sondern deshalb: denn jedes starke und echte Verhältnis zur Welt und zum Leben vermag an sich große Kunstwerke zu konstituieren, wenn es nur in einer Persönlichkeit zur künstlerischen Form gelangt. Bab aber spricht die künstlerische Ausdrucksmöglichkeit einem solchen Verhältnis ab : dem bei jüdischen Dichtern sicher häufigsten, dem, in welchem meist das Geistige das Gefühlsmäßige, jedenfalls das Psychische das Sinnliche überwiegt In einer Beziehung ist gewiß Sinnlichkeit zur Dichtung absolut erforderlich: in Bezug auf die äußere, rythmisch-musikalische Form, die den Sinnen das Kunstwerk vermittelt Aber diese Art der Sinnlichkeit hat nie den jüdischen Dichtern gefehlt Die fythmische Kunst der biblischen Dichter, die sublime Melodik Heines und Else Lasker- Schülers ist gewiß einer der feststehendsten Vorzüge dieser Dichter. Aber eine tieferliegende Sinnlichkeit ist es, die Bab meint: das überwiegend starke Gefühl für die Tatsachen der äußeren Welt, dem zufolge die Erregung sinnlicher Vorstellungen als wesentliches Wirkungsmittel des Kunstwerkes. Nun zeigen die jüdischen Dichter durchweg ein weit stärkeres Gefühl für Tatsachen der geistigen Welt, und ihre Dichtung wirkt daher, abgesehen vom musikalischen Wert der Worte, mehr durch ihren geistigen Gehalt als durch ihren Gehalt an sinnlicher Vorstellung. Diese Wirkungsmittel erscheinen uns als künstlerische, Bab als außerkünstlerische. Solche künstlerischen Wertungsprinzipien sind nicht diskutabel, da sie einzig von dem ästhetischen Temperament der Persönlichkeit bestimmt werden: hier steht Voraussetzung gegen Voraussetzung, Grundsatz gegen Grundsatz, und es hat keinen Zweck, verstandesmäßige Gegenbeweise zu versuchen* Aber eine petitio principii wie die Bab's verliert die subjektive Berechtigung, wenn das Prinzip nicht konsequent