Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-04-01 · Heft 1 (April 1913) · p. Seite 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 1 (April 1913)
Article
Ein Dokument der Assimilation
Date
1913-04-01
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119803-3119942--0023-3120007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15 Tatsachen, er gibt uns unbewußt und unmittelbar ein historisches Dokument Die darin enthaltenen Anschauungen sind durchaus typisch für die geistige Knechtschaft, welche die in deutscher Kultur lebenden Juden bewußt oder unbewußt ertragen, Bab schreibt als wesentliches » Resultat seiner Untersuchungen den lapidaren Satz : »Die Juden haben die Unschuld der Sinne nicht, sie müssen alles durch die Idee, die Reflexion, den Vergleich treiben und sie sind deshalb bei allen reichen Gaben nie Dichter im großen, elementaren Sinne des Wortes«, Der erste Teil dieses Satzes, der feststellt, muß getrennt betrachtet werden von dem zweiten, der wertet Dieser erste Teil s:heint mir allerdings bestätigt zu werden durch die Lektüre der Bibel, der Werke Halevys, Heines, Bialiks, Momberts, Schnitzlers und Wassermanns, des meisten, was die Juden Dichterisches geschaffen haben *) Ueberäll herrscht Idee und Reflexion; wo die jüdische Dichtung rein gefühlsmäßig wird, wie in Gedichten aus dem Hohenliede oder dem Werke Else Lasker- Schülers, da ist das Gefühl so über der Welt der Natur stehend wie sonst nur die Idee. Ich drückte das in einem Beitrag zu der bekannten Kunstwartdebatte so aus : »Das Gefühl ist hier körperfrei, es lebt nicht wie das Göthe's in der sinnlichen Welt wie in einem Leibe, von ihr wesentlich bedingt: es schafft sie beliebig um, es gibt ihr die Form, die seine Sonderart am stärksten ausdrückt«. So wirken auch rein gefühlsmäßige Gedichte der Lasker-Schüler höchst geistig in ihrer Abstraktion des Gefühls von der sinnlichen Welt, in der hemmungslosen Umwandlung dieser Welt im Dienste des Gefühls, in dem Herausreißen der sinnlichen Phänomene aus ihrem natürlichen Organismus und ihrem Einstellen in einen neuen geistigen. Wenn das Hohelied sagt: »Sein Haupt ist das feinste Gold«, so ist das eine völlige Mißachtung der sinnlichen Erfahrung gegenüber dem Gefühl. Nie wird man von einem Haupt die optische Jllusion des Goldes empfangen; wer aber Liebe wie einen goldenen Hauch in sich fühlt, dem wird die äußere Welt gewandelt, *) Um Missverständnisse zu vermeiden: wir betrachten diese vorherrschende Geistigkeit weder als das einzige noch als ein immer und absolut notwendiges Kriterium des Jüdischen in der Kunst. Sie ist eine der typischen formalen Eigenschaften, die das Jüdische im Kunstwerk bedeuten 35s gibt natürlich Kunstwerke, die ohne diese Eigenschaft zu besitzen sich durch andere typisch jüdische Qualitäten als jüdisch erweisen, ebenso wie es höchst unsinnlicho Kunstwerke gibt, die durchaus unjüdisch sind. Das Nationale ist auch in der Kunst nicht durch eine einzelne sondern durch einen Komplex formaler Qualitäten dargestellt: dem Forscher muss es gestattet sein, eine von diesen in ihrer abstrakten Isolierung zu betrachten, um auf die Natur oder Lage des ganzen Komplexes Schlüsse ziehen zu können

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.