Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1914)
- Article
- Von der literarischen Kritik in der ostjüdischen Literatur
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 238 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119818-3119846--1735-3119917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
IIIS J* A.. Löubatxki, Von der liter äris eben Kritik in ä&r Q»kjifaU.mh^.n Lit«r&tur MHMiMMtiiNiiwiHtHiiifiiiiiHiJWfiM^ solchen Namen nicht nur von der hillig gewährenden Gunst der Halbgebildeten zuerkannt wissen will, Dieses Streben, mit der übelen Tradition in der Kunstkritik zu brechen, vermisse ich bei Baal Machschuwes ganz. Er bedient sich derselben Methode und beobachtet in der Literatur dieselben Erscheinungen, er behandelt denselben Stoff wie die »europäischen« Kritiker in der hebräischen Literatur* Aber während sich bei jenen doch noch ab und zu ein Gefiihlsklang, eine Begeisterung für eine künstlerische zufällig beobachtete Feinheit heraushören läJ?t, bleibt Baal Machschuwes ewig kalt Er ist weder Schöpfet noch Nachempfinder, er ist einfach ein trockener litauischer »Maskil«, der in unsere Literatur den Geist und den Ton des Schon- und Klugrednertums hineingetragen hat. Er scheint allein auch keine Ansprüche zu stellen, als aesthetischer Kritiker angesehen zu werden. Wenigstens beweist dies sein Pseudonym Baal Machschuwes (Mann des Gedankens), dal? er als Hauptsache den Gedanken und nicht die Gefühlsmomente ansieht. Aber auch seine Gedanken sind meist billige Gemeinplätze* Alles, was ein Kritiker notwendig haben mui?, geht Baal Machschuwes ab. Es fehlt ihm der Blick und das Hörvermögen fürs Ganze, er besitzt auch die analytische Fähigkeit nicht, um die Eigenarten, Stärken und Schwächen eines AVerkes herauszufinden; ihm fehlen auch das innige Gefühl (melodramatische Gefühlsduselei täuscht uns darüber nicht hinweg) und die gestaltende Fähigkeit, die allein dem Kritiker die Möglichkeit geben, in das Wesen des Künstlers und die Formen und Gestalten des künstlerischen Schaffens einzudringen. Er ist nur Publizist, der die Lebenserscheinungen durch den literarischen Spiegel beobachtet. Und darum können uns seine Gedanken nur sehr wenig interessieren. Originals by courtesy of Dr. Anatol Schenker