Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1914)
- Article
- Zur jiddischen Theaterfrage
- Date
- 1914-07-01
- Page
- 226 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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226 J, M» Kamüa, Zur jiddinchan Thcaterfrage tllltlHtliHHHiiHhmHmHiijllHHjnmm Typen (jüdischer Hamlet, jüdischer König Lear etc.) und es entsteht ein Chaos, eine aus den Fugen gegangene Welt! Noch schlimmer als mit dem Repertoire steht es mit den Dar* Stellungskräften. Wer kennt nicht die Laufhahn eines jiddisch«! Schauspielers! Bei anderen Kulturvölkern gewähren eine gewia§# Vorbildung und später eine gediegene Fachausbildung die Möglich* keit, das Schauspielermaterial zu sichten* Der jüdischen Bühnf fehlt alles derartige. Ein unbemiöelter Junge, jeder elementarem Bildung bar, hungert sich ein paar Jahre im Chor durch (der Chor ist die einzige Vorschule für den spateren Schauspieler) und ^wartet auf seine »Karriere«. Nicht Begabung, sondern Stimme und Zufall entscheiden. Erst die Stimme berechtigt dazu, Rollen zu spielen/ Mul? aber der Sänger zugleich Tragiker sein und umgekehrt, so ist es kein Wunder, dal? die Dilettanten aufkommen und das wahre Talent erstickt wird. Ohne irgend welche Kultur {Jiddischlesen und — schreiben ist bei einem jüdischen Schauspieler und besonders bei den Schauspielerinnen etwas äußerst Seltenes, von anderen Sprachen oder irgend welchen Vorkenntnissen ist überhaupt keine Rede), ohne Lehrer und ^Vegweiser ist der jüdische Schauspieler dazu verurteilt, sein Leben lang ein Komödiant zu bleiben. Und kommt es wirklich einmal dazu, dal? ein Schauspieler zugleich ein Mensch mit Kunstverständnis ist, so ist dies ausschließlich seiner außerordentlichen Begabung und seiner instinktiven Intelligenz zu verdanken. Noch viel ärger ist es um die jiddischen Direktoren und Regisseure bestellt Ehemalige Hausierer, Cafehaus-*, Kneipen- und mitunter auch Bordellinhaber (London, Berlin, Buenos-Aires), im besten Falle abgedankte, ungebildete Schauspieler (Jassi, W^arschau, Tschernowitz, Wien, Paris) werden die geistigen Leiter des jüdischen Theaters. Regisseur — soviel der eine dem andern abgucken kann. Weder Künstler, noch Kunstverständige, ja nicht einmal tüchtige Geschäftsleute. Abgesehen von dem Tohu-wabohu des Repertoires plagt man das Auge des Zuschauers noch durch alberne Bühneneffekte, die sich in allen Stücken ähnlich sehen wie ein Ei dem andern. Und noch etwas. Die jüdische Presse bekundet zu wenig Interesse an der ganzen Theaterfrage. Gewöhnlich wird sie in der Originals by courtesy of Dr. Anatol Schenker