Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 327 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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den wolkenbruchartigen Regen, und mein Vater blieb daher fast den ganzen Tag ohne Nahrung. „Schade, daß Sie bei uns nichts essen wollen“, meinte der Schloßherr, „was mich eigentlich bei Ihnen wundert, da Sie ein so aufgeklärter Mann sind.“ Mein Vater gab ihm zur Antwort: „Jude bin ich aus voller Überzeugung, orthodoxer Jude aus Gewohnheit“. Es fanden sich Leute, die meinem Vater zumuteten, sich aus der Bekanntschaft mit dem reichen Standesherren materielle Vorteile zu verschaffen, was er aber entschieden ablehnte. Dies trug ihm den Namen „der arme Lord“ ein. Es waren viele Jahre vergangen, seitdem ich meinen Vater nicht gesehen hatte. Im Sommer 1898 kam er nach Berlin und hielt sich mehrere Wochen bei mir auf. Er war damals 63 Jahre alt, aber schon sehr gealtert und körperlich schwach. Hingegen war er von einer bewundernswerten geistigen Frische und blieb seiner alten Gewohnheit treu, sein Wissen immer noch zu vermehren. Er fand in meinem Hause wissenschaftliche Schriften, die er noch nicht gesehen hatte, und studierte sie eifrig. Weltanschaulich stand er auf einer seltenen Höhe, zu der er sich durch eigene Studien emporgearbeitet hatte. Er war im Laufe der Jahre in dieser Beziehung viel mutiger geworden und scheute vor keiner Konsequenz zurück. Infolge seiner Schwäche konnte ich ihm nicht viel von Berliner Sehenswürdigkeiten zeigen. Er trug Verlangen danach, eine größere Büchersammlung zu sehen, und ich durfte ihn in dem großen Lesesaal der Königlichen Bibliothek herumführen. 327