Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 326 (sequence 31)
- Language
- German
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ging er mit mir wie mit einem jüngeren Kameraden um. Es galt als selbstverständlich, daß ich mir eine eigene Meinung bilden und ihm widersprechen durfte. Nach einem Aufenthalt von dreizehn Jahren in Lemberg ist mein Vater im Jahre 1885 nach Stanislau zurückgekehrt. Er war dort zuletzt Maggid und Dajjan in einem Außenbezirk der inzwischen stark angewacbsenen Gemeinde. Ich hatte meine Heimat schon viel früher verlassen und fand keine Gelegenheit, sie für längere Zeit zu besuchen. Wir blieben alle diese Jahre hindurch in brieflichem Verkehr, der allerdings den persönlichen Umgang nicht ersetzen konnte. Während seines zweiten Aufenthaltes in Stanislau machte mein Vater die Bekanntschaft des Grafen Adalbert Dzieduszycki, der eine Zeitlang auch Minister in Österreich war und als Professor der Philosophie dem Lehrkörper der Lemberger Universität angehörte. Er hat verschiedene philosophische Schriften verfaßt, darunter auch einige in deutscher Sprache. Politisch war er konservativ und gehörte im österreichischen Reichsrat der Partei der Standesherren an. Für seine philosophischen Arbeiten wollte er sich auch gründlich in der Kabbala und dem Pantheismus der jüdischen Religionsphilosophie unterrichten lassen. Er trug seinem Güterdirektor in Stanislau auf, für ihn dort einen Mann ausfindig zu machen, von dem er die gewünschte Belehrung erhalten konnte. Die Wahl fiel auf meinen Vater. Die Verbindung zwischen ihm und dem um zehn Jahre jüngeren Grafen hielt längere Zeit an. Mein Vater war häufig Gast des Grafen auf seinem Schloß in Jesupol, demselben Schloß, wo einst mein Urgroßvater mit einem Ahnen des Grafen Adalbert geschäftliche Angelegenheiten erledigt hatte. Bei allem Freisinn befolgte mein Vater die rituellen Speisevorschriften aufs strengste, so daß er im Hause des Grafen keine Nahrung zu sich nahmen konnte. Für die Verpflegung sorgte ein Jude aus dem Orte. Eines Tages gab es einen lang anhalten- 326