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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1938-01-01 · 31 (1938) · p. Seite 325

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
31 (1938)
Article
Mein Vater
Date
1938-01-01
Page
Seite 325 (sequence 30)
Language
German
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den Vereinsmitgliedern — zumeist wohlhabenden oder gar reichen Kaufleuten — und sonstigen Anwesenden Thora zu lernen. Das Einkommen, das mit dieser Tätigkeit verbunden war, reichte nicht ganz hin, und mein Vater half etwas nach, indem er an den Werktagen Jünglinge aus wohlhabenden Familien zu sich kommen ließ und in verschiedenen Zweigen des jüdischen Schrifttums unterrichtete. Da unsere Bedürfnisse bescheiden waren, schwanden Sorge und Not aus unserem Hause. Mein Vater hat die dreizehn Jahre, die er so in Lemberg lebte, immer als die glücklichste Zeit seines Lebens bezeichnet. Seine freie Zeit widmete er dem Selbststudium, in erster Reihe dem der talmudisch-rabbinischen Literatur, in der er immer den älteren Quellen den Vorzug zu geben pflegte. Die Schriften des Maimonides, insbesondere seinen „Moreli nebuchim“, beherrschte er fast auswendig. Er vertiefte sich auch in die anderen Werke der jüdischen Religionsphilosophie und beschäftigte sich mit den Schriften der modernen Wissenschaft des Judentums in hebräischer und in deutscher Sprache. Von den profanen Wissenschaften fesselten ihn Philosophie und Naturwissenschaft. In unserer kleinen Büchersammlung befand sich der Kosmos von Alexander von Humboldt; für den Autor und sein Werk hegte mein Vater die größte Verehrung. Bücher, die er sich nicht anschaffen konnte, pflegte er bei Bekannten zu entleihen. Eine öffentliche jüdische Bibliothek gab es damals noch nicht. Auch die deutschen Klassiker und die schöngeistige Literatur interessierten ihn sehr; zu seinen Lieblingsschriftstellem gehörten Seume und Zschokke. Ein gutes Buch war für ihn ein Erlebnis, das ihn lange seelisch beschäftigte. Als ich herangewachsen war, pflegte er mit mir alle diese Probleme, jüdische wie nicht jüdische, auf Spaziergängen eingehend zu besprechen. Bei diesem peripatetischen Unterricht kehrte er niemals die väterliche Autorität hervor, vielmehr 325

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