Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 322 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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das älteste jüdische Gotteshaus in der inneren Stadt. Außerdem waren in der Nähe mehrere kleine Veremssynagogen: die Synagoge der Fleischer, der Posamentiere usw. In allen diesen Häusern wurde regelmäßig morgens und abends Gottesdienst abgehalten. Mein Vater ging mit mir in die große Synagoge. Als wir sie nach beendetem Gottesdienst verließen, begrüßte ein älterer Herr meinen Vater und sprach: „Reb Moscheh, ich bin in der Gemoro, die ich jetzt lerne, an eine Stelle.gelangt, die mir unverständlich ist. Ich habe sie verschiedenen Lomdim gezeigt, und niemand konnte mir Peschat (die richtige Erklärung) sagen. Ich möchte diese Stelle Euch zeigen, Ihr werdet mir schon gewiß Peschat sagen“. Mein Vater, der sich in gedrückter Stimmung befand, erwiderte: „Entschuldigt mich, Herr Scharge (so hieß der Herr), ich bin jetzt dazu nicht aufgelegt“. „Was, Ihr seid nicht dazu aufgelegt“, sagte der Mann, „das dürft Ihr gar nicht sagen, ein Talmid chochom, wie Ihr, muß immer für Thora aufgelegt sein. Bitte, kommt nur mit“. Mein Vater folgte ihm fast willenlos. Dieser Herr besaß eine große Seidenwarenhandlung am Marktplatz, wohnte aber im besseren Teil des jüdischen Viertels. Wir betraten seine Wohnung. Im Zimmer, in das er uns führte, saß seine Frau, eine volksethische Schrift in jüdischer Sprache lesend. Der Mann schlug in der Gemara die fragliche Stelle auf. Mein Vater blickte hin und sagte: „Ach da stolpern viele. Am besten, wir lernen das Ganze zusammen durch“. Gesagt — getan, und es wurde alles klar. „Merkwürdig“, meinte der Mann, „ich habe diese Stelle verschiedenen Lomdim gezeigt, und niemand hat mir Peschat gesagt. Gestattet, daß ich das Ganze nochmals für mich selbst lerne.“ Der Mann brummte alles nochmals vor sich her und schloß befriedigt mit den Worten: „Alles glatt“. Seine Frau bemerkte dazu: „Jetzt wird er Ruhe haben. Er quält sich damit schon seit Wochen, wie mit einem schlimmen Zahn“. Nach wenigen Minuten stand mein Vater auf, um nach 322